Auf der Suche einer Ur-oder Sternensprache

 

1.1
Über das Vorhaben einer experimentellen Spracharchäologie
 
Bei den vorliegenden Ausführungen handelt es sich um Betrachtungen an einem vom Autoren weitgehend mit-erfundenem Objekt; einer Sprache, die einerseits als Ausgangspunkt sprachtheoretischer Überlegungen dient, und die sich andererseits gleichzeitig durch diese Arbeit weiterentwickeln soll und wird. "M-Kworr", das heißt "Erdensprache" oder "Ich spreche", ist eine tote Sprache, beziehungsweise wird hier als solche behandelt. An erster Stelle der Bemühungen an M-Kworr steht also zunächst die Rekonstruktion des Vorhandenen; die Aufarbeitung und Neuordnung der bestehenden Strukturen unter der konsequenten Vermeidung neuerlichen Hinzuerfindens von Begriffen, auch wenn es an vielen Stellen einfach wäre, durch Erweiterungen M-Kworr sprechbarer und sinnvoller zu machen.
Andererseits liegen in den existenten Strukturen M-Kworrs immer noch Potentiale ungeahnter Ausdrückbarkeiten von Dingen, zu denen sich in anderen mir bekannten Sprachen keine Parallelen finden lassen. Diesen Potentialen nachzuspüren, ist eine der Bestrebungen der vorliegenden Betrachtungen.
 
Der Ansatz, sich mit M-Kworr zu beschäftigen, und dessen bin ich mir bewußt , zwingt zu einem gleich mehrfachen Spagat: Ausgangspunkt ist eine Sprache, die ich spreche - aber trotzdem als "tot" erkläre, um Betrachtungen an einem statischen Objekt, sozusagen archäologische Betrachtungen, zuzulassen. Gleichzeitig wird die Sprache selbst (durch die stattfindenden Untersuchungen) sich zu verändern beginnen.
Eine solche Veränderung wiederum ist gewollt, erwünscht und vielleicht sogar notwendig; aber sie droht gleichzeitig Entwicklungen einzuleiten, die in dieser Art für toten Sprachen völlig untypisch sind.
Die komplexe Situation M-Kworrs fußt in einer ersten Grundannahme, die schon bei ihrer Schöpfung als Kunst-Sprache konkret war: M-Kworr wurde innerhalb eines spracharchäologischen Experimentes als tote Sprache erfunden. Die Erfindung selbst war Archäologie, während die nun stattfindende Rekonstruktion zum zweiten Mal archäologischen Bestrebungen folgt.
Aber um schon an dieser Stelle womöglich aufkommende (und zu hohe) Erwartungen an die Kunstsprache M-Kworr zu dämpfen: An vielerlei Stellen ist sie mehr als banal, ordinär und simpel. Und es erscheint wichtig, darauf hinzuweisen, daß die ursprüngliche Entwicklungsphase M-Kworrs ohne jegliche Kenntnis jener Theorien ablief, der sie nun gegenübergestellt wird.
M-Kworr wurde erdacht ohne Kenntnis Noam Chomsky's Thesen über das Wieder-Erinnern vorgeprägter Sprachstrukturen; ohne tieferes Wissen über C.G. Jungs Theorie eines kollektiven Unterbewußtseins; und ohne Kenntnis Velimir Chlebnikovs Bemühungen zur "Sternensprache".
Aber gerade daß dies so ist, macht aus M-Kworr einen echten Archetypen, der im Laufe der Betrachtungen vorgestellt, besprochen, analysiert und gelehrt werden soll.
Wie sich aus dem bis jetzt umrissenen Feld auch schon abzeichnet: Die vorliegende Arbeit kann schon wegen der ihr zugrundeliegenden Konstellationen kaum wissenschaftlichen Ansprüchen genügen - und muß dies auch nicht, da ihr Anliegen in erster Linie um die Ausführung eines schöpferischen Experimentes kreist.
Mit dieser Vorgehensweise wiederum; mit dem Ziel Aussagen über Sprache unter Nutzbarmachung des Versuches zu entwickeln, lehnen sich meine hier vorliegende theoretischen Betrachtungen an eine Arbeitsweise an, die mir als Praktiker, als Experimentalfilmemacher bekannt ist. Der Kernbegriff dieser Arbeitsweise ist jener des "künstlerischen Experimentes". Das künstlerische Experiment allerdings, so meine Überzeugung, gehorcht anderen Prinzipien als der wissenschaftliche Versuch (siehe Anm.1), und weil dies so ist, erlaubt sich diese Arbeit nicht nur assoziative, an manchen Stellen hierarchielos erscheinende Vernüpfungen, sondern auch die Einbeziehung anderer künstlerischer Ansätze (gemeint ist hier Chlebnikovs Arbeit), ohne diese vorher kunsttheoretisch verwissenschaftlicht zu haben.
Ob letztendlich durch die beschriebene Vorgehensweise überhaupt neue Erkenntnisse synthetisiert werden können -oder ob diese durch die Ausgangssituation schon im Vorfeld vereitelt werden- ist an dieser Stelle noch nicht abzusehen.
Aber selbst ohne die Entwicklung sprachtheoretischer Neuheiten wird am Ende zumindest eines entstanden sein: nämlich ein Leitfaden zu einer Sprache, von der zu hoffen bleibt, daß sie in Zukunft keine tote Sprache mehr sein wird.

 

1.2
"An die Maler der Welt!
 
Lange haben wir nach einer solchen, der Linse ähnlichen Aufgabe gesucht, damit sich die von ihr auf einen Punkt gelenkten Strahlen der Arbeit der Maler und der Arbeit der Denker in gemeinsamer Arbeit trafen und sogar die die kalte Dinglichkeit des Eisens anstecken und in einen Scheiterhaufen verwandeln konnten. Jetzt ist eine solche Aufgabe, -die Linse, die euren stürmischen Mut und den kalten Verstand der Denker zusammenlenkt, gefunden. Dies Ziel ist - eine allgemeine Schriftsprache zu schaffen, allgemein für alle Völker des dritten Sonnentrabanten, Schriftzeichen zu errichten, die für den ganzen menschenbevölkerten Stern verständlich und akzeptabel sind, der verloren ist, in der Welt. Ihr seht, daß unsere Zeit würdig ist. Die Malerei hat immer in einer allen zugänglichen Sprache
gesprochen. ..."
 
Aus einem auf April 1919 datierten Aufruf Velimir Chlebnikovs; russischer Dichter / Futurist, 1885-1922.
(Chlebnikov, Teil 2, S.311, datiert 13. 4. 1919)

 

1.3
drei relevante Thesen
 
Es steht außer Zweifel, daß die Menschheit neuer Sprachen bedarf. Der Grund für diese Notwendigkeit hängt mit der Entwicklung der Kommunikation zusammen; den Fortschritten auf den Gebieten der Kommunikationstechniken und einer Tendenz zu immer weltumspannenderen (Handels-) Beziehungen zwischen den Nationen, die seit dem Imperialismus ungebrochen ist. Es ist sicher kein Zufall, daß "Esperanto", die vom polnischen Arzt L. Zamendorf entwickelte Welthilfssprache, 1887 veröffentlicht wurde; in Zeiten der Industrialisierung mit ihrem einhergehenden Bedürfnis nach wachsender Kommunikationsfähigkeit zwischen Zulieferern, Verarbeitern, Händlern und Verbrauchern - in Zeiten der Entwicklung und des Zusammenwachsens globaler Strukturen.
Esperanto jedenfalls ist grandios gescheitert - nicht weil es keine Notwendigkeit für eine solche Sprache gegeben hätte - sondern, weil in einem System, in dem sich verschiedene Kommunikatoren nicht verstehen, diese innerhalb ihres Systems nach einer Lösung des Problems suchen. Esperanto war aber ein Angebot von außerhalb: jeder der Kommunikatoren hätte es erlernen müssen.
Ironischerweise nahm also die Sprachverwirrung durch Zamendorfs Entwicklung zu, und sie tut es heute -in post-babylonischen Zeiten- weiter fortschreitend, auch wenn gleichzeitig eine scheinbare Annäherung jeglicher Sprache an das Englische zu beobachten ist. (Die internationalsten Wörter; jene mit der größten Wahrscheinlichkeit, daß sie weltweit und überall verstanden würden, seien angeblich "Whisky" und "okay".)
Dennoch: Das Bedürfnis nach neuen Sprachen bleibt weiterhin bestehen; sie entwickeln sich selbst, teilweise als technische Sprachen aus den Notwendigkeit heraus, zum Beispiel Maschinen Steuerbefehle geben zu können, oder aber aus der schon beschriebenen, durch die Omnipräsenz anglo-amerikanischer Kultur(güter) ausgelöste Neigung der anderen Sprachen, einer Konvergenz an das Englische nachzugeben.
Was allerdings tatsächlich entsteht, durch die Vermengung verschiedener Sprache untereinander, kann zweierlei Formen annehmen: erstens, jene eines Slangs à la MTV; oder aber eine Pidgin-Form (Anm. 2 ), die es zu Vokabeln bringt, die weder der einen noch einer anderen der Mischung zugrunde liegenden Sprachen zuzuordnen sind. Die Grenzen zwischen beiden Möglichkeiten sind fließend, aber der theoretische Unterschied der, daß man eine Mischsprache (wie sie das Deutsche in bestimmten sozialen Umfeldern schon längst ist) als völlig Sprachunkundiger mittels mehrerer herkömmlicher Wörterbücher dechiffrieren könnte, wohingegen man für Pidgin schon ein eigenes Wörterbuch braucht.
 
Die für das Thema relevante und zugespitzte These lautet hier also: Die Babylonisierung schreitet fort (und die zu beobachtende, scheinbare Konvergenzbewegung unterstützt diese Prozesse).
Die andere relevante These war: Wenn sich aufgrund von Kommunikationsproblemen innerhalb eines Systems die Entwicklung einer Sprache zwingend ergibt, fußt die Entwicklung dieser Sprache auf Bausteine, die schon vorher im System waren.
Und drittens: Wir brauchen mehr Sprachen.

 

2.
Woher die Sprachen kommen
 
Die Frage ist nicht, ob wir diese Sprachen wollen; denn sie entwickeln sich ohnehin; - als vielmehr die Frage danach, woher diese Sprachen kommen, welchen Regeln sie folgen; sowie die Frage nach der Rolle der sprachschöpfenden Tätigkeiten der Kunst, als Gegenentwurf zur logisch-rationalen Genese der sich aus Notwendigkeiten heraus selbstentwickelnden Neu-Sprachen, Slangs, Maschinensprachen und Dialekte.
Im folgenden werden ein künstlerisch-poetischer, ein paläontologischer und ein archäo-linguistischer Ansatz vorgestellt- und diese Ansätze schließlich mit M-Kworr konfrontiert.

 

2.1
Chlebnikovs Aufruf Teil 2.
 
"Die Sprachen haben ihre ruhmreiche Vergangenheit verraten. Früher einmal, als die Wörter Feindschaften zerstörten und die Zukunft durchsichtig und ruhig machten, vereinten die Sprachen, stufenweise vorwärtsschreitend, die Menschen 1) der Höhle, 2) des Dorfes, 3) des Stammes, des Sittenverbandes, 4) des Staates - zu einer Welt des Verständnisses, einem Verband von Menschen, die Verstandeswerte mit ein und denselben Tauschlauten austauschten. Der Wilde verstand den Wilden und legte die blinde Waffe beiseite.
Jetzt, da sie ihre Vergangenheit verraten haben, dienen sie Sache der Feindschaft und haben, als selbständige Tauschlaute zum Tausch von Verstandeswaren, die vielsprachige Menschheit in Lager eines Zollkrieges, in eine Reihe von Sprachmärkten aufgeteilt, hinter deren Grenze die gegebene Sprache keinen Zugang hat. Jede Ordnung des Lautgeldes beansprucht die Oberhoheit für sich, und auf diese Weise dienen die Sprache als solche der Desintegration der Menschheit und führen durchsichtige Kriege. Möge eine Schriftsprache Trabant der ferneren Schicksale des Menschen sein und auftauchen als ein neuer vereinender Wirbelsturm, als neuer Sammler des Menschengeschlechtes. Die stummen geometrischen Zeichen werden die Vielzahl der Sprachen miteinander aussöhnen." (Chlebnikov, Teil 2, S.311)

 

2.1.1
Chlebnikov als Dichter
 
Chlebnikovs Traum einer "Sternensprache", die die Völker der Erde vereint, ist Teil seines literarischen Werkes; des Werkes eines russischen Futuristen, dessen Schaffensphase unbestreitbar durch die revolutionären Vorgänge in der jungen Sowjetunion stark geprägt wurden. Seine Arbeit, eine teilweise sehr fragmentarisch wirkende Ansammlung von Gedichten, Texten, Geschichten und Briefen reiht sich in ihrer Konstruktivität, dem Willen Neues (und Avantgardistisches) zu schaffen, nahtlos in die damals in der Sowjetunion entstehende Strömung des russischen Konstruktivismus ein.
Wie auch für die Arbeitsweisen anderer Konstruktivisten charakteristisch, man denke nur an Malewitschs Malerei jener frühen Periode, war auch Chlebnikovs Ansatz stets ein Ansatz der Untersuchung von grundlegenden Phänomenen auf unterster Ebene. Seine Wortschöpfungen und Gedichte, -von denen mir es immer noch ein Rätsel ist, wie es möglich war, sie überhaupt zu übersetzen (aber es war möglich! s. Anm.3)- untersuchen seitenlang einfachste Phänomene, sezieren die Sprache bis auf ihre Elemente. "Chlebnikov hat ein ganzes Periodensystem des Wortes geschaffen", (Chlebnikov, Teil 1, S.10) beschreibt Vladimir Majakovskij, bekennender "Chlebnikov-Schüler", den forschenden Charakter des Werkes. Chlebnikov war Forscher und Dichter: eines seiner bekannteren Gedichte "Beschwörung durch Lachen" ist eine Auseinandersetzung mit der Wortwurzel "smej-", also dem deutschen "lach-"; und soll hier in einer Enzensberger-Übersetzung zitiert werden:
(s. Chlebnikov, Teil 1, S.19)

Beschwörung durch Lachen
 
Ihr Lacherer, schlagt die Lache an!
Ihr Lacherer, schlagt an die Lacherei!
Die ihr vor Lachen lacht und lachhaftig lachen macht,
schlagt lacherlich eure Lache auf!
Lachen verlachender Lachmacher! Ungeschlachtes Gelachter!
Lachen lachericher Lacherler, lach und zerlach dich!
Gelach und Gelacher,
lach aus, lach ein, Lachelei, Lachelau,
Lacherich, Lacherach.
Ihr Lacherer, schlagt die Lache an!
Ihr Lacherer, schlagt an die Lacherei!

Das bewundernswerte an dieser Art der Chlebnikov-Dichtung ist die immense Formenvielfalt der Wortschöpfungen; das Spiel mit den Tautologien -die sich bei solcher sprachlichen Selbstbeschneidung zwangsläufig einstellen- die er aber immer wieder durch virtuose Variationen zu vermeiden weiß. "Chlebnikov hat einmal sechs Druckseiten geschrieben, nur von der Wurzel 'lieb-' abgeleitet. Gedruckt werden konnte das nicht, weil in der Provinzdruckerei das 'l' nicht reichte." (Majakovskij in: Chlebnikov, Teil 1, S.12)
Aber Chlebnikov, der sich selbst nur wenig um Veröffentlichungen kümmerte, wurde nicht nur nicht gedruckt - er wurde auch wenig gelesen. Sein Werk blieb in seiner das Elementarste untersuchenden Form den meisten Lesern unzugänglich - wurde jedoch für andere Dichter zu fast einer Art Formelsammlung.
"Chlebnikovs Ruhm als Dichter ist unermeßlich viel geringer als seine Bedeutung. Von den hundert, die ihn gelesen haben, nannten ihn fünfzig einfach einen Graphomanen, vierzig haben ihn als Unterhaltung gelesen und sich gewundert, warum sie von all dem keine Unterhaltung hatten, und nur zehn (die Futuristen-Dichter, die Philologen des 'Opojaz') kannten und liebten diesen Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt urbar gemacht werden.
Chlebnikov ist kein Dichter für den Gebrauch. Ihn kann man nicht lesen. Chlebnikov ist ein Dichter für Produzenten." (Majakovskij in: Chlebnikov, Teil 1,S.9)

 

2.1.2
Chlebnikov als Erbsenzähler
 
In einer ernsten Sekunde erklärte mir ein befreundeter Musiker was Humor ausmache: Nämlich die absolute Ernsthaftigkeit, in die man sich bei der Ausführung eines Vorhabens verbeißen müsse.
Wenn man sich als Musiker hinsetze und sich mit allergrößtem Ernst in eine Komposition vertiefe, mit der Absicht diese eins-zu-eins zu spielen, und dies auch täte - darin läge der wahre Humor, und nicht in Klamauk.
Fleiß gilt gemeinhin als verläßliches Zeichen für ernsthafte Auseinandersetzung - und guter Fleiß, ist deshalb immer auch komisch.
Gespenstische Ausmaße (des Fleißes) hingegen nimmt jener Teil des Chlebnikov'schen Werkes an, in dem er sich seinen "geschichtlichen" Studien hingibt und seine Thesen anhand langer Listen von Aufzählungen von Begebenheiten zu belegen versucht.
Chlebnikovs mathematisch-historische Hauptthese ist die, daß bedeutende geschichtliche Veränderungen jeweils in Abständen von 365 +/- 48 Jahren (oder Vielfachen davon) stattfinden. Einmal erkannt, liegt in der von ihm entdeckten Regelmäßigkeit das Potential der Vorausberechnung der Zukunft; einen Schritt den er selbst noch nicht geht, aber auf den die gesamte Arbeit deutlich ausgerichtet ist.
In "Neue Lehre vom Krieg" schreibt Chlebnikov:
"Dieser Teil der Keilschrift über die Schicksale die Völker setzt sich zum Ziel, daß sich Seeschlachten in 317 Jahren oder deren Vielfachem: in 317 x 1, 2, 3, 4, 5, 6, wiederholen, sowie zu zeigen, wie sich verschiedene Völker im Zeitraum von 317 Jahren und deren Vielfachem in der Seeherrschaft ablösen. Die scheinbar müßigen Ausrechnungen, Splitter eines noch ungeordneten Gesetzes, haben große Bedeutung [...]". (Chlebnikov, Teil 2, S.187) Und es folgt eine 37 seitige Auflistung verschiedenster geschichtlicher Vorgänge, die durch die Zahl 317 miteinander in Verbindung stehen.

 

Beispielsweise die Verbindung des "19. Jahrhundert[s], [der] Neuzeit [mit den] Seekriege[n] der Sarazenen (3 x 317 = 951):

701 Die Normannen in Paris.

1652 Seekrieg zwischen England und
Holland

819 Die Normannen in Frankreich.

1770 Cesme

850 Normannensturm über Frankreich

1801 Seeschlacht bei Kopenhagen.

846 Eroberung Roms durch die Sarazenen.

1797 Schlacht in der Landenge des hl. Vincent.

877 Die Araber erobern Syrakus.

1827 Navarino.

[usw, ...]"

 
(Chlebnikov, Teil 2, S.187)
 
Obwohl dieser Teil Chlebnikovs Arbeit nicht in direkter Verbindung mit der Entwicklung der Thesen der vorliegenden Ausführungen steht, wird er hier kurz behandelt, weil die anscheinend manische Zahlenakrobatik die hinter der "Lehre vom Krieg" steht, viel über Chlebnikovs Arbeitsweise aussagt.
"Manisch" ist für diese allerdings sicher das falsche Wort, denn Chlebnikovs Arbeitsweise erscheint an keiner Stelle zwanghaft zu sein, sondern vielmehr komisch - und zwar im Sinne der Komik durch Disziplin, wie sie zur Einleitung dieses Punktes geschildert wird. Die Entscheidung einen Weg einzuschlagen, nämlich die Durchforstung der Weltgeschichte nach Vielfachen von 365 +/- 18 Jahren, wäre ein offensichtlich aussichtsloses Unterfangen gewesen - wenn es tatsächlich darum gegeangen wäre, eine historische Weltformel zu finden - aber wie ernst Chlebnikov seine mathematischen Bemühungen selbst nimmt, wird an jenen Stellen klar, an denen er als "Vorschläge" vermerkt, man solle berechnen, daß der Mittelwert der Herzschläge eines Menschen pro Tag 365 x 317 betrage. (Chlebnikov, Teil 2, S.227)
Chlebnikovs Fleiß in der Findung von unzähligen "Beweisen" für seine Thesen, -und der hierin liegende Humor- ist womöglich das eigentliche Thema des Dichters; denn er stellt seinen Fleiß in den Dienst einer Utopie, eines Futurismus; und schon in den Formulierungen selbst ist das Scheitern von Ansätzen wie die nach der Findung einer historischen Weltformel, der Gründung einer Weltregierung der Futuristen oder der Erfindung einer neuen Weltsprache, eingebaut.
Aber genau aus dem Grunde bleibt Chlebnikovs künstlerischer Ansatz, auch wenn dieser den Dichter immer wieder zur Erbsenzählerei verdammt, trotzdem immer ein lustvoller.
Im folgenden werden die Auswirkungen Chlebnikovs Arbeitsweise auf sein Projekt zu Gründung einer "Sternensprache" besprochen; an späteren Punkten folgt ein Vergleich seines künstlerisch-dichterischen Ansatzes mit anderen Sprachfindungs-Experimenten.

 

2.1.3
Auf dem Weg zur Sternensprache
 
"Ich spüre in mir deutlich die die Speichen eines sich drehenden Rades, ich arbeite an einem Tagebuch, um die Gesetze der Wiederkehr dieser Speichen in einem Netz festzuhalten. Im Wunsche, die Zaum-Sprache auf das Feld des Verstandes überzuführen, sehe ich die Ankunft einer alten Speiche meines Rades."
(Chlebnikov, Teil 2 S.12)

 

2.1.3.1
Die Zaum-Sprache
 
Die Begriffe "Zaum-Wort" und "Zaum-Sprache" kommen vom russischen "sa'umny", d.h. "jenseits des Verstandes", "ausgeklügelt" und "verklausuliert". "Als Begriff wurde 'Zaum' von Aleksej Kruconych geprägt, dem vielleicht konsequentesten russischen Theoretiker des Lautgedichts, der 'Verse ohne Worte', einer nicht semantischen Sprache im Sinne von Hausmann und Hugo Ball, einer Sprache ohne bestimmte Bedeutungen." (Chlebnikov, Teil 2, S.626) In den 20er Jahren existierte im Umfeld der russischen Avantgarde eine von Chlebnikov mitbegründete Gruppierung futuristischer Dichter (u.a. Tufanow), die sich "Sa'umniki" nannten.
(vgl. "Manifest der Oberiu", in Charms, S.326)
Die Zaum-Dichtung fußt in Experimenten mit der Alltagssprache; an vielerlei Stellen mischt sich Zaum mit Verständlichem, oder es bilden sich Schnittmengen von Sprachelementen, beispielsweise im Gelalle oder in Ausrufe wie "ei", "oh" oder "au", bei denen eine Zuordnung in die eine oder andere Kategorie nicht möglich ist, bzw. die fast als so etwas wie die Samenkörner des Zaums im Humus der Alltagssprache gedacht werden können.
Ähnliche Entwicklungen -auf eine Lautdichtung hinzielend, die Inhaltlichkeit im herkömmlichen Sinne verweigert- gab es zur Zeit der Entstehung der russischen Zaum-Poesie, in den 10er und 20er Jahren dieses Jahrhunderts, auch in anderen Ländern: Dada (in Deutschland) und Zaum beispielsweise finden -trotz unterschiedlicher Ansätze- zu ähnliche Lösungen; und verbinden sich zusammen mit den konstruktiven Bestrebungen jener Zeit, mit dem Bauhaus, der russischen Avantgarde, den Futuristen und anderen zu einer postexpressionistischen paneuropäischen Strömung, die sich, im Blick zurück, als überraschend homogen erweist.
Daß auch direkte Verbindungen bestanden, belegt eine Erwähnung Raoul Hausmanns über einen Abend in im Züricher Cabaret Voltaire im Jahre 1916, an dem Wassily Kandinsky in Anwesenheit Hugo Balls Lautgedichte Chlebnikovs vortragen ließ.
(Anm.4)
Chlebnikovs Auffassung von Lautdichtung war weniger streng als jene seines Mitstreiters Kruconych, was sich in seiner, schon oben erwähnten Vermengung der Zaumsprache mit der Alltagssprache äußert und zu Gedichten führte wie:
 
"Bobeobi sangen die Lippen
Weëomi sangen die Blicke
Piëëo sangen die Brauen
Liëëëj sang das Gesicht.
Gsigsigseo sang die Kette,
so lebte auf der Leinwand irgendwelcher Entsprechungen
außerhalb der Umrisse - das Gesicht."
 
(Chlebnikov, Teil 1, S. 57, veröffentlicht 1912, Ü.: Peter Urban)

 

2.1.3.2
Die Wahrheiten des Alphabets
 
Im Vergleich zur "harmlosen" Vermengung der Lautdichtung mit Inhalt, nimmt Chlebnikovs Umgang mit dem Zaum erst wirklich dort radikale Formen an, wo er wünscht, "die Zaum-Sprache auf das Feld des Verstandes" zurückzubringen (siehe Zitat oben), um wieder eine Sprache für Inhalte zur Verfügung zu haben.
Diesen Weg zur Inhaltlichkeit geht er aber nicht über eine Wieder-Zuwendung zur Alltagssprache, sondern vielmehr über eine komplette Neu-Untersuchung des Zaums - einer (schon wieder) "wissenschaftlichen" Aufdröselung und Katalogisierung der (in diesem Fall:) Phoneme, die er abermals mit einer Arbeitshaltung betreibt, wie wir sie aus seinen Bemühungen um die Zahl "365 +/- 48" kennen.
Ziel der Arbeit ist die Begründung der die Völker der Erde verbindenden "Sternensprache".
Inwieweit sich Chlebnikov die Sternensprache als gesprochene Sprache dachte, ist nicht völlig klar, aber die geplanten Schritte zu deren Entwicklung sind auch auf Sprechbarkeit ausgerichtet.
An erster Stelle steht die Findung der Bedeutungen der Inhalte der Grundelemente der Sprache. "Die gesamte Fülle der Sprache muß in Grundeinheiten der Wahrheiten des 'Alphabets' zerlegt werden", schreibt Chlebnikov (Chlebnikov, Teil 2, S.321) und beginnt mit der Katalogisierung:
"Wenn man ein Wort nimmt, angenommen "Schale", so wissen wir nicht, welche Bedeutung jeder einzelne Laut für das gesamte Wort besitzt. Wenn man aber alle Wörter mit dem Anfangsbuchstaben SCH zusammennimmt (Schüssel, Schädel, Schuh, Scheune usw.), so verlieren alle übrigen Laute und vernichten sich gegenseitig, und jene allgemeine Bedeutung, die diese Wörter besitzen, wird zur Bedeutung des SCH. Beim Vergleich dieser Wörter auf SCH sehen wir, daß sie alle einen Körper in der Umhüllung eines anderen bedeuten; SCH bedeutet Hülle. Und auf diese Weise hört die Zaum-Sprache auf, Zaum -jenseits des Verstandes- zu sein. [...]
SCH [ist] nicht nur ein Laut, SCH ist ein Name, ein unteilbarer Körper der Sprache.
Wenn sich herausstellt, daß SCHa in allen Sprachen der Welt ein und dieselbe Bedeutung hat, so ist das Problem der Weltsprachen gelöst: Alle Arten von Schuhwerk werden SCHas, Fuß-SCHas, alle Arten von Schalen und Schüsseln - Wasser-SCHas genannt werden, einfach und klar." (Chlebnikov, Teil 2, S.328f)
Chlebnikovs Untersuchungen, denen er sich anscheinend immer wieder widmet und die in seinem fragmentarischen Werk dementsprechend oft in verschiedenen Versionen auftauchen, kommen leider nicht wirklich zu der in Aussicht gestellten Klarheit und Einfachheit - es existieren mehrere Variationen der Bedeutungengen bestimmter Laute, aber die Tendenz wird deutlich:
 
"Einstweilen stelle ich, ohne den Beweis anzutreten fest, daß:
1) W in allen Sprachen der Welt die Drehung eines Punktes um einen anderen bedeutet, entweder im vollen Kreis oder in seinen Teilen, im Bogen, hoch und zurück.
2) Daß H eine geschlossene Kurve bedeutet, die als Schranke die Lage eines Punktes von der der Bewegung eines sich auf ihn zubewegenden Punktes trennt (eine Schutzlinie).
3) Daß SE die Reflektion eines sich bewegenden Punktes von der Linie des Spiegels weg bedeutet, unter einem Winkel, der dem Einfallswinkel gleich ist. Der Schlag eines harten Strahls gegen eine Fläche.
4) Daß M den Zerfall einer bestimmten Größe in endlos kleine Teile bedeutet, die, im Ganzen, der ersten Größe gleich sind.
[...]
19) Daß SCH die Bewegung aus einem geschlossenen Volumen bedeutet, die Abtrennung freier punktförmiger Welten bedeutet."
(Chlebnikov, Teil 2, S.312f)
Chlebnikov schöpft die verschiedenen Bedeutungen der Buchstaben aus langen Listen von Worten, die er zusammenträgt, um seine Thesen zu untermauern, wie z.B. in "Zerlegung des Wortes" (Chlebnikov, Teil 1, S.144f), wo er insgesamt 129, mehr oder minder an den Haaren herbeigezogene , Beispiele allein für "SCH"-Worte findet, die alle mit "Hülle" zu tun haben (Anm.5).

 

2.1.3.3
Die Schriftzeichen der Sternensprache
 
Nach der Findung der universellen Wahrheiten des Alphabets - einer Arbeit, von der Chlebnikov sich dachte, daß sie womöglich noch für lange Zeit "in progress" bleiben könnte - steht nun die Findung neuer Schriftzeichen für diese Grundelemente der Sprache an, und zwar als geometrische Symbole, die wiederum allgemein verständlich sein sollten.
Selbst dem, der die Sternensprache nicht spräche, stünde mit der Schrift ein System zu Verfügung, das ähnlich dem chinesischen Zeichensystem von Lauten unabhängig wäre, weil es auf den gefundenen Prinzipien der Phoneme aufbaut und nicht nur auf der Abbildung der Lautwerte, und sich somit für alle als verständlich erweist, die die Wahrheiten des Alphabets kennen.
Chlebnikov überträgt die Aufgabe der Erfindung passender Zeichen in einem Aufruf den "Malern der Welt" (s.o. unter Pkt 1.2 bzw. 2.1); macht aber auch eigene Vorschläge, wie die Zeichen aussehen könnten:
"Mir erscheint 'WE' in Form eines Kreises und eines Punktes in ihm. 'H' in Form einer Verbindung zweier Linien und eines Punkts. [...] 'SCH' in Form einer Schale. 'ES': ein Bündel von Geraden."
(Chlebnikov, Teil 2, S.314)


<Illustration 1: auf eine Metallplatte gravierte Darstellung auf der Raumsonde Pioneer 10>

 

2.1.3.4
Zeichen universeller Sprachen heute
 
Chlebnikovs Sternensprache -ich bin unsicher, ob dies nötig ist zu erwähnen, blieb eine Utopie - und auch die Maler nahmen sich nicht der ihnen gestellten Aufgabe an. Womöglich, weil die Malerei selbst schon Sternensprache genug ist; und womöglich auch, weil Chlebnikovs Zeichenvorschläge zu einfach und zu eindeutig auf Papier abzielend formuliert waren.
Heute gibt es jedoch viele Zeichensystem, die den Chlebnikov'schen Prinzipien entsprechen; die die tieferen Wahrheiten eines eigenen Alphabetes darlegen, und die jeder -entsprechende Kenntnisse des Alphabets vorausgesetzt- versteht, unabhängig davon, welche Sprache er spricht.
 
Einstweilen stelle ich, ohne den Beweis anzutreten fest, daß:

1)  

in allen Sprachen der Welt die Bewegung eines Punktes oder einer Fläche innerhalb der Sicht bezüglich eines anderen bedeutet, entweder vertikal, horizontal, vor oder zurück.

2)

eine Anschmiegung beschreibt, die die Lage eines Auschnitts innerhalb eines anderen relativiert, in einer Art, die den Ausschnitt skaliert und die Sichtbarkeit verbessert oder verschlechtert.

3)

eine Anullierung jeden Prinzips darstellt, die so lange invertierbar bleibt, bis eine endgültige Entscheidung sich entweder für oder gegen die Anullierung ausspricht, wobei die Entscheidung willentlichen oder zufälligen Charakter besitzen kann.

4)
eine Kategorie ist, die sich unter, über oder zwischen andere ihrer Art stellt.

5) 
 
"a" eine physikalische Existenz beschreibt, die als ganze erscheint, oder als verschiedene Teile gedacht werden kann, aber dennoch "eins" bleibt. Sie bedeutet das "Grundlegende-ohne-es-sein-zu-müssen", sie ist die Mutterkategorie aller "6".
(usw.)

 

2.1.4
Der Futurist als Archäologe
 
Zusammenfassend bleibt zu sagen, daß beim beschriebenen Projekt der Sternensprachen eine futuristisch-poetische Utopie Chlebnikovs vorliegt, die selbst nie wirklich als ein ernsthafter, eine Sprache generierender Versuch gedacht war, ganz im Gegensatz zu den Bestrebungen, die Zamendorf mit Esperanto verfolgte.
Chlebnikovs Dichtung, und eben auch die Sternensprache, sowie die Arbeiten seiner Mitstreiter, erweiterten jedoch die Grenzen des Ausdrückbaren auf der Ebene der Poesie so fundamental, daß zumindest dort durchaus von neuen Sprachlichkeiten gesprochen werden kann. Wahrscheinlich wird es allerdings zuerst der "Zaum" sein, die Lautdichtung der 10er und 20er Jahre dieses Jahrhunderts, die rückblickend als diese "neue Sprache" der Dichtung erscheint, während Chlebnikov mit seinem Versuch der Überwindung des Zaums durch die Sternensprache schon einen Schritt weiter gegangen war.
Seine Bestrebungen stehen in diesem hier vorliegenden Versuch einer Theorie über die Findung und Er-Findung von Sprache deshalb an erster Stelle, weil seine Arbeitshaltung, so unwissenschaftlich sie auch ist, Prinzipien verfolgt und Thesen aufstellt, die auch anderen Theorien beschäftigt.
Wichtig erscheint festzuhalten, daß Chlebnikovs Utopie im Inneren der vorhandenen (slawischen) Sprachen ansetzt, daß er versucht, das Allgemeine aus dem Gefundenen zu extrahieren; und daß er -der Futurist- hierin fast archäologisch vorgeht (und scheitert).

 

2.2
André Leroi-Gourhan, eine
Evolution der Sprache
 
Sozusagen als Gegenpol zur Chlebnikov'schen "kreativen" (an einigen Stellen auch wissenschaftliche Beweise erfindende) Vorgehensweise zum Thema der Sprach-Genese, widmet sich der folgende Abschnitt André Leroi-Gourhans paläontologischen Untersuchungen über eine "Evolution von Sprache und Schrift", die einen Teil seiner sehr umfassenden Theorien zur Entwicklung des Menschen darstellen.
Leroi-Gourhans Beobachtungen sprengen an vielerlei Stellen den Rahmen rein altertumswissenschaftlicher Bemühungen und berühren immer wieder philosophische und dort vor allem ästhetische Fragestellungen.
Gerade an diesen Punkten, an Stellen, an denen Leroi-Gourhan zu Aussagen kommt, die beispielsweise mögliche Entwicklungen der Zukunft des Menschseins oder der Sprache behandeln, entstehen in seinem Gedankengebäude; der Arbeit eines dort über Zukunft schreibenden Paläontologen; immer wieder Parallelen zu den oben beschriebenen archäologischen Ansätzen des Futuristen Chlebnikov.
Und auch einige sprachtheoretischen Aussagen ähneln sich - trotz der unterschiedlichen Ausgangspunkte und Vorgehensweisen.
 
"4000 Jahre linearer Schrift haben uns zu einer Trennung von Kunst und Schrift geführt, und wir müssen schon alle Kräfte der Abstraktion aufbieten [...], wenn wir wieder Zugang zu einer Bildauffassung finden wollen, die allen Völkern gemein war - und [einigen] immer noch ist", (Leroi-Gourhan, S. 244) schreibt Leroi-Gourhan, fordert aber keine Entwicklung einer Sternensprache.

 

2.2.1
Evolution als Befreiung / Kopf und Hand
 
Vielmehr breitet André Leroi-Gourhan einen Entwurf einer Evolution des Menschen aus, der hauptsächlich auf Beobachtungen beruht, die er an Fossilien und Artefakten anstellt, die die Jahrtausende überdauert haben, sowie an ethnographischen Daten.
Die sämtliche seine Ausführungen begleitende Grundannahme ist die einer besonderen Rolle von "Hand und Wort" als Kategorien jeglicher menschlicher Entwicklung, und schreibt: "Die Hand setzt die Sprache frei - und eben diese Erkenntnis führt zur Paläontologie" (Leroi-Gourhan, S. 42).
Wichtig scheint hier ein von ihm immer wieder genannter Zusammenhang zwischen Fortschritt -also: Evolution- und Freiheit zu sein. Die evolutorische Entwicklung nennt er eine Reihe von "befreienden Schritten" (Leroi-Gourhan, S. 42): die Befreiung des Körpers vom Wasser, die Befreiung des Kopfes vom Boden, die Befreiung der Hand von den Zwängen der Fortbewegung.
Die befreite Hand, so ist Leroi-Gourhans oben zitierte Aussage zu verstehen, befreite die Sprache: der aufrecht gehende Homo Sapiens benutzt seine Hände für Tätigkeiten, für die evolutorisch niedere Wesen ihren Kiefer benutzen - und Leroi-Gourhan untersucht mittels penibler Vermessungen in welcher Weise sich die Kieferformen der verschiedenen frühmenschlichen Entwicklungsstadien im Laufe der Evolution immer weniger zum Reißen, Packen und Halten von Beute oder Gegenständen eigneten, sich dafür aber fortschreitend zu einer Form entwickelten, die Sprache ermöglicht.
 
In der Entwicklung des Menschen setzte zeitgleich zur Entwicklung der Hand eine Evolution des Gehirnvolumens ein; eine Veränderung die in direktem Zusammenhang mit den taktilen Fortschritten der Hand -als erstes Werkzeug des Menschen- und der Entwicklung seiner Sprachfähigkeit steht. Die Notwendigkeit einer Sprache wiederum erklärt Leroi-Gourhan aus der Notwendigkeit der frühen Menschen zur Entwicklung bestimmter sozialer Fähigkeiten, zu denen die "Schwächen" des menschlichen Körpers zwangen. Der Körper des Menschen ist, im Vergleich zu denen der Tiere, höchst unspezialisiert entwickelt - und zudem muß, aufgrund des großen Hirnvolumens der Spezies, der menschliche Nachwuchs zu einem relativ frühen, unentwickelten Zeitpunkt geboren werden, weil sich das Volumen des Gehirns offensichtlich mit einer anderen Geschwindigkeit entwickelte, als die Ausmaße des weiblichen Geburtskanals.
Die Aufmerksamkeit, die Mütter deshalb für relativ lange Zeit ihren Säuglingen gegenüber aufbringen müssen, zwang in den frühen Tagen der Menschheit zu sozialem Verhalten in der Gruppe oder der Familie, während gleichzeitig für andere Aufgaben, z.B. das gemeinschaftliche Jagen, weitere sozialen Fähigkeiten notwendig waren. Mit der Entwicklung dieser Fähigkeiten, ging die Entwicklung der Sprache einher.


<Illustration 2: Schematische Darstellung von Hauptaufgabe, Lage und Proportionen verschiedener Großhirnbereiche zueinander. nach: Leroi-Gourhan, S. 44>

 

2.2.2
Evolution der Schrift
 
Über diese Sprachen, als Gesprochene, kann -aus Sicht des Paläontologen- nur spekuliert werden; beziehungsweise birgt die Vermessung von Fossilien und anderer Fundstücke nur eine sehr begrenzte Aussagekraft darüber, wie eine Ursprache aus der Frühzeit der Menschheit vorzustellen sei.
 
"Während die Paläontologie uns eine hinreichend detaillierte Rekonstruktion der Entwicklungsstufen von Gehirn und Hand gestattet, während die Steinindustrie einen guten Einblick in die Evolution der Technik vermittelt, sieht man auf den ersten Blick nicht so recht, wie man wohl entdecken könnte, was weder im Skelett noch in den Werkzeugen Niederschlag gefunden hat.
Bei unserem Versuch einer Paläontologie der Sprache war uns ein Bias zu Hilfe gekommen, ein Bias in der durchgängigen Existenz eines facial-manuellen Gesichtsfeldes und in der zerebralen Verbindung des Gesichts- und des Handapparates. Die Entstehung der Figuration und dann auch der Schrift [...] erlaubt [uns], diese Verbindung über einen Zeitraum von 30000 Jahren zu kontrollieren."
(Leroi-Gourhan, 341)
Für Leroi-Gourhans Beobachtungen an der Sprache treten also jene Epochen ins Zentrum des Interesses, aus denen Sprache (oder Gedachtes) in Form von Notierungen überliefert sind, oder in denen sich diese Notierungen entwickeln.
Beim Blick auf diese Entwicklungen, wird eine "Evolution der Schrift" erkennbar, die beginnt mit abstrakten Jagdzeichen und dann übergeht in die Mythographie, zu der später die Zeilung, der Linearismus, kommt, der schließlich die Lautschrift ermöglicht.
(Anm.6)

 

2.2.2.1
Bild und Schriftzeichen
 
Die Rede ist hier, darauf sei nochmals hingewiesen, von der Schrift und nicht von der Sprache; zweien Objekten, die uns heute vor allem deshalb als zusammengehörig erscheinen, weil wir Schrift als die Sprache abbildend benutzen; was allerdings in den frühen Phasen der Entwicklung von Sprache und Schrift keinesfalls so gewesen ist.
Dennoch waren die beiden Systeme natürlich auch in der vorgeschichtlichen Zeit miteinander verbunden, wenn auch nicht in einer Parallelität, die uns heute selbstverständlich vorkommt.
Die Anfänge der Schrift lagen womöglich näher an der Zeichnung und somit am Bildnerischen, als am Wort; aber die uns überlieferten, notierten Zeichen auf Knochen oder Felswänden erscheinen auch nicht als bloße Abbildungen einer Realität, sondern vielmehr als "verewigte" Ideen. Für Leroi-Gourhan wird aufgrund dieser Erkenntnis der Begriff eines "kollektiven Gedächtnisses" zu einem zentralen Punkt seiner Überlegungen. Durch die Manifestierung von Sachverhalten auf Zeit überdauernde Materialien, erfand sich der Mensch ein System, das es ihm erlaubte, Gedanken nach außen zu verlegen; Erinnerungen zumindest teilweise vom Erinnernden autark zu machen; ein "soziales Gedächtnis" zu etablieren, das auch außerhalb der Köpfe der Gruppenmitglieder real wurde - es entwickelte sich ein System "das es der Gesellschaft ermöglicht[e], die Produkte individuellen und kollektiven Denkens auf Dauer zu bewahren." (Leroi-Gourhan, S. 237)
 
Die Überbleibsel der ersten Schritte zu dieser Entwicklung (oder das was wir heute als diese anerkennen), sind in ihrem Sinn nicht mehr verstehbar: Ritzungen bestimmter Anzahlen von Kerben in Knochen, sogenannte "Jagdzeichen" die vor 35000 Jahren entstanden, geben keine Hinweise auf ihre Zwecke.
 
 
< Illustration 3: 35000 Jahre alte Fundstücke mit kerbenartigen Ritzungen; die ältesten Spuren menschlicher Darstellung. Abbildung aus: Leroi-Gourhan, S.239 >
 
 
Womöglich dienten sie als Mnemogramme; Zeichen die an etwas erinnern sollten -und die, wie der Knoten im Taschentuch- nur so lange sinnhaftig sind, wie man sich tatsächlich erinnern kann.
Als konkreter -in Bezug auf Inhaltlichkeit- gelten die nächsten Schritte einer Evolution der Schrift, nämlich die Mytho- und Ideogramme. Bei diese Schriften, die sich stark an das Bildhafte anlehnen, formen verkettete Darstellungen von natürlichen Gegenständen und Gesten Inhalte nach Art des Rebus. Noch im letzten Jahrhundert fanden ideogrammatische Schriften bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen regelmäßig Benutzung. (vgl. Kapr, S. 14)
 
 
 
<Illustration 4: Ideenschrift der Indianer, nach: Kapr, S. 14)
 
 
"Das Mythogramm ist [...] ein Ideogramm; dies kann man sich deutlich machen, wenn man betrachtet, was davon in unserem heutigen Denken noch anzutreffen ist: so genügt etwa die gemeinsame Darstellung eines Kreuzes, einer Lanze und eines Schilfrohrs, das an der Spitze einen Schwamm trägt, um in uns den Gedanken an die Passion Christi hervorzurufen. Die Figur ist jeder phonetisierten mündlichen Notation fremd, sie besitzt dagegen eine Dehnbarkeit, die die Schrift nicht kennt, und umfaßt alle Möglichkeiten der mündlichen Vergegenständlichung von dem Wart Passion bis hin zu den umfänglichsten Kommentaren über die christliche Metaphysik" (Leroi-Gourhan, S. 253), schreibt Leroi-Gourhan.
Seiner Ansicht nach sind die mythographischen Schriften deshalb aus der Evolution des Graphismus herausragend, weil in ihnen ein Gleichgewicht zwischen Wort und Hand herrscht. Dies ist, weil die Zeichen eben keine Laute beschreiben, weil ihre Inhaltlichkeit relativ frei ist von der Grafik, die somit zu einer eigene Sprache der Hand wird. Mythographische Schriften erzeugen einen kreativen Redefluß, der unabhängig ist von der Sprache des Vorleser oder Lesers; und Leroi-Gourhan fügt als Beispiel die chinesische Schrift an, in der er mythographische Elemente entdeckt, und die es "trotz allem [gestattet], Mathematik oder Biologie mit hinreichender Genauigkeit darzustellen, und [...] dennoch nicht die Fähigkeit zum Rückgriff auf jenes ältere System graphischen Ausdrucks verloren [hat]: [nämlich] Symbole nebeneinander zu stellen, die keine Sätze, sondern Gruppen von signifikanten Bildern bilden." (Leroi-Gourhan, S. 260)
 
Bevor von hier aus zum nächsten Schritt einer Evolution der Schrift gegangen wird, nämlich zur Zeilung des Geschriebenen, sei kurz nochmals auf Chlebnikovs Vorstellungen bezüglich der Zeichen für die Sternensprache hingewiesen: Wenn Chlebnikov schreibt, "Die Völker der Chinesen und Japaner sprechen Hunderte verschiedener Sprachen, aber sie schreiben und lesen in einer einzigen Schriftsprache" (Chlebnikov, Teil 2, S.311), übertreibt er zwar etwas in seiner Laudatio für die chinesische Schrift (und irrt bezüglich der Japanischen), aber seine Vorstellungen nach allgemeiner Verständlichkeit entsprechen tatsächlich den Vorteilen der Mythogrammen. Allerdings ist es bei ihm nicht das Fundament eines kollektiv gewußten Mythos, auf das eine allgemeine Verständlichkeit der Sternenschrift basieren soll, als vielmehr eine erhoffte Logik, die er im Inneren der Zeichen sucht. Die Existenz dieser Logik selbst wiederum ist mythisch (was aber nicht wirklich weiter hilft).

 

2.2.2.2
Die Zeilung
 
Durch die Entwicklung des Nacheinander einzelner Zeichen in der Frühphase der Entwicklung graphischer Notierungen, wurde in die zu Material gewordene Sprache die Gerichtetheit wieder eingeführt.
 
Ich schreibe hier "wieder", weil in der gängigen Auffassung der Entwicklung der Schrift, die Entwicklung der Zeilung der Zeichen häufig als einer der Meilensteine zur Fortentwicklung jeglicher Schriftlichkeit angesehen wird.
Tatsächlich ist es aber so, daß die Linearität der ersten graphischen Versuche der Menschheit (oder zumindest jener Versuche, die wir heute als diese anerkennen, s.o. Illustration Nr.3),sich früher entwickelten als die wesentlich komplexeren - und ungezeilten - Gemälden an den Höhlenwänden. Das "Nacheinander" (in der Darstellung) ging der "Gleichzeitigkeit" voraus.
 
 
< Illustration: Gleichzeitigkeit, Nebeneinander - Zulassung von persönlicher Interpretation und "Lese"fluß in ungezeilten Zeichensystemen: Felszeichnung aus Bohuslän, nach Kapr, S.14 >
 
 
Die Gerichtetheit der Inhalte, der Narration, war in vorgraphischen Zeiten notwendigerweise die einzige Möglichkeit, Informationen überhaupt zu kommunizieren, denn der Mensch verfügt über kein Organ, das in der Lage wäre, mehrere Worte gleichzeitig auszusprechen oder zu hören. Die Dinge treffen zwar womöglich gleichzeitig auf unsere Sinne, - und sicherlich nehmen wir gleichzeitig mehr wahr als immer nur einen Reiz - aber jegliche Reflektion findet gezeilt statt: hintereinander, wie auch in der Sprache.
 
Leroi-Gourhan würde an dieser Stelle sicher heftig widersprechen: Daß mir (dem Autor) nichts anderes möglich erscheint, als das Nacheinander der Ideen oder Wahrnehmungen, könnte auch daran liegen, daß einige tausend Jahre Linearität in der (phonetischen / schriftlichen) Kommunikation, uns (oder mir) die Fähigkeiten genommen hätten, parallel zu kommunizieren, zu verstehen und zu handeln.
"4000 Jahre linearer Schrift haben uns zu einer Trennung von Kunst und Schrift geführt, und wir müssen schon alle Kräfte der Abstraktion aufbieten [...], wenn wir wieder Zugang zu einer Bildauffassung finden wollen, die allen Völkern gemein war - und immer noch ist - , deren Entwicklung abseits der Phonetisierung und insbesondere des graphischen Linearismus verlaufen ist",(Leroi-Gourhan, S.244) schreibt Leroi-Gourhan. Er sieht in der Linearität eine Einschränkung des menschlichen Geistes, die wider die persönlichen Vorstellungsvarianten steht. "Das wissenschaftliche Denken wird durch die Notwendigkeit, sich am Faden der Typographie entlang zu bewegen, eher behindert [...]", kritisiert er, und entwirft eine Vision einer Welt, in der "die Schrift [...] wohl binnen kurzem zum Aussterben verurteilt [...] und durch Diktaphone mit automatischer Aufzeichnung ersetzt [sein wird]" (Leroi-Gourhan, S.493)
 
Als Stützen einer solchen Entwicklung erkennt Leroi-Gourhan den technischen Fortschritt auf dem Gebiet der Datenverarbeitung an: Der Umgang mit den Elektronengehirnen wird den Menschen entalphabetisieren - und womöglich eine Befreiung vom gezeilten Denken bewirken.
- Ich schreibe hier "womöglich", weil unser Denken natürlich auch aufgrund des Phonetischen linear ist, und überhaupt scheint die stattfindende Entwicklung auf dem Gebiet der neuen Medien (bislang) eher das Gegenteil von ungerichteter Bildlichkeit zu erreichen:
Die Rechner verarbeiten Zahlenkolonnen, Einsen an Nullen endlos aneinandergereiht in irrwitzigen Geschwindigkeiten, die für den menschlichen Betrachter nicht mehr nachvollziehbar sind.
Es ist die bloße Geschwindigkeit, der sehr wohl hintereinander stattfindenden Prozesse, die uns am Bildschirm Parallelität vorgaukelt - und auch das scheinbar gleichberechtigte Nebeneinander von Millionen von Dokumenten im Internet ist hierarchisch geordnet - aber eben auch nicht mehr nachvollziehbar gerichtet, sondern wie eine gigantische Enzyklopädie, deren Bände durcheinander geraten sind. Nur die Suchmaschinen versuchen noch, den Eindruck zu vermitteln Werkzeug zu sein, die den Weg durch das Netz navigieren können - aber als Antwort auf einen Suchbegriff listen auch sie wieder gezeilte Information.
"2357 entries match your query.
Go to: 1 2 3 5 6 7 8 9 next >>"
 
Das menschlich Denken wird sich von seiner Linearität nicht lösen können; und Erkenntnisprozesse, die "nicht-linear" sind, erscheinen mir auch nicht als gedachte, sondern eher als mystische, esoterische, undenkbare - denn auch die Logik folgt linearen Strukturen.
Auf der Ebene der Zeichensysteme hingegen befreite bereits die Höhlenmalerei die menschliche Kommunikation von der Linearität (in der Sprache, und wie sie sich auch in den allerersten Artefakten zeigte (Vgl. Illustration 3). Die Aussagen der Maler können frei betrachtet und in beliebiger Reihenfolge -aber immer noch nacheinander- reflektiert werden; und zwar in ganz ähnlicher Weise, wie über Natur reflektiert werden kann.

 

2.2.2.3
Die Loslösung der Information vom Material
 
Die Narration (und mit ihr Sprache und Schrift) folgt in ihrer Distribution und Rezeption jedoch anderen Regeln als die Bilder der Maler: Die Rhetorik, das Theater und die Erzählung sind (wie die Musik) Zeitkunstformen: ihre Inhalte verhallen, wohingegen die Werke der bildenden Künste immer materiell werden.
Die Schrift als Zeichensystem vereint die Materialität des Bildenden
mit dem Verhallenden der Erzählung: Durch sie, die materielle Aufzeichnung, wurde die Erzählung fixierbar - wenn auch nur auf vergänglichem Trägermaterial, welches aber in seiner stofflichen Form für die Partitur der Narration (d.h. die reine Information) eigentlich unwichtig ist. Die Information der Geschichten kann (theoretisch) verlustfrei kopiert werden, solange die Kopisten Wert auf Genauigkeit legen.
Der Unterschied zwischen den Bildern der Malern und den Texten der Dichter (das mag banal sein) liegt also darin, daß sich die Texte ständig von ihrem Trägermaterial lösen können (und müssen), wohingegen die Malereien (als Material, d.h. als Originale) für ewig (eigentlich: nicht für ewig, weil sie vergehen) auf ihren Leinwänden verharren (und sich "nur" die Abbilder der Gemälde von ihre Oberfläche lösen, um in das Auge des Betrachtes zu gelangen; Anm.7).
 
Dennoch gibt es unübersehbare Zusammenhänge zwischen der Malerei und der Schrift: Die Buchstaben entwickelten sich aus dem Bildlichen und verbanden sich mit einer anderen Idee, nämlich jener der Zeilung, der Reihung, des Rhythmus.
In der Entwicklung zur Schrift begann sich eine Begrenzung der Formenvielfalt der Zeichen einzustellen, - und komplexere Begriffe mußten aus diesem Grund durch Kombinationen von mehrere Zeichen gebildet werden.
Die Bedeutung von Zeichen, die zuerst nur einen Gegenstand beschrieben, z.B. das 1 für Aleph (Stier), wurde erweitert, indem das ursprüngliche Zeichen mikroskopiert wurde und nur noch ein (eben mikroskopischer) Teil des Stieres als relevant erkannt wurde; nämlich sein Anfang, das A in Aleph.
Aus den letztendlich so entstandenen (begrenzten) Alphabeten mikroskopischer Teile läßt sich jeglicher Begriff formen.
In welchem Maße "mikroskopisch" die verschiedenen Alphabete der Sprachen der Welt sind, ist unterschiedlich - es existieren verschieden große Zeichensysteme, die verschieden weit in der Abstraktion der ihnen zugrunde liegenden Bilder (der Mythogramme) gegangen sind.
Der mikroskopischste Zeichensatz ist der ASCII-Code: Die lateinischen Buchstaben und andere Zeichen und Ziffern (insgesamt 256 Zeichen) wurden nochmals zerlegt in 16-stellige Reihen von Jas und Neins, also in nur noch zwei unterschiedliche Zeichen.
Wäre die Malerei einen ähnlichen Weg gegangen, hätte auch sie sich von ihrer Materialität gelöst: Statt der Leinwand hätte der Maler ein Raster von Quadraten vor sich, denen er Farben zuweisen könnte - und natürlich gibt es Bild-Systeme, die genau so funktionieren: Nämlich die digitalen Bilder, die Bitmaps.
Gescanten Malereien, computergenerierte Bilder und Vektorgrafiken haben keine Originale mehr - sie werden zu einer Form die (wie die Schrift) irgendwo zwischen Zeitkunst und Materialkunst steht; und die für die Künstler der Leinwandmalerei zuerst einmal unattraktiv ist, weil sie Originale verkaufen; und der Markt nach den Originalen verlangt.
Interessanterweise ist hier die Photographie -die das Originalitäts-Problem schon immer (oder spätestens seit dem Ende der Daguerrotypie) hatte, in der Entwicklung einen Schritt voraus. Die Digitalphotographie, die die Inhalte in mikroskopische -aber reine- Informationen zerlegt, steht gleichberechtigt neben der Analogphotographie, die zumindest in den Negativen noch (mikroskopische) Originale erzeugte.
Die Texte, wenn schriftlich fixiert, hätten das Potential zur Unvergänglichkeit, weil sie einerseits materiell gespeichert werden können - und dadurch vor dem Verschleifen der Inhalte durch mündliche Überlieferung bewahrt werden; und weil sie andererseits dennoch von ihrem Trägermaterial unabhängig sind, weil ihre Inhalte (theoretisch) verlustfrei kopiert werden können.
Historisch bleibt von dieser "Unvergänglichkeit" allerdings wenig übrig: Die mittelalterlichen Kopisten der Texte waren teilweise schriftunkundig und malten die Texte ab als seien sie Bilder: Die Inhalte verschliffen sich sehr wohl; - und in modernen (digitalen) Zeiten, verrichten die Rechenmaschinen zwar die Kopierung von Dateien relativ fehlerfrei, aber immer öfter befinden sich Texte oder Daten in Formen, die der technische Fortschritt abschaffte. Texte befinden sich auf Speichermedien, zu denen es keine Lesegeräte mehr gibt; Programme verlangen nach längst ausgestorbenen Computersprachen.
Es würde eine Zeit kommen, in der die zukünftige Historiker mehr über die Epoche Karls des Großen wissen werden, als über unsere Zeit - warnen die Archivisten angesichts der schleichenden Selbstzerstörung moderner Informationsspeichermedien.
(vgl. Geo, S.117f).
Dennoch: Schriftlich Fixierbares ist besser geeignet, Zeiten zu überdauern.
(Anmm.8 & 9)

 

2.3
Richard Fester, "Begründer der
Paläolinguistik"
 
In ähnlicher (enger) Weise wie der Begriff an seinem schriftlichen Abbild hängt, so die Annahme Richard Festers, hängen die Namen an jenen Gegenständen, die sie benennen.
 
"Richard Fester gehört keiner Universität an, und leitet kein Institut für Sprachforschung. Aber diesem auf den ersten Blick so nachteiligen und ungewöhnlichen Zustand dürfte es zu danken sein, daß es ihn und seine Archäologie der Sprache in dieser eigenwilligen, unabhängigen und überaus fruchtbaren Form überhaupt gibt, und daß ein Buch wie das hier vorliegende [nämlich: "Urwörter der Menschheit"] in jahrelanger, ungestörter und zielgerichteter Arbeit entstehen konnte."
(Prof. Dr. Joachim Illies in: "Urwörter", S.7)
 
Fester ("Begründer der Paläolinguistik", [laut Klappentext in: Fester, "Sprache der Eiszeit", München, 1980]) entwirft in mehreren Büchern eine Theorie einer Ursprache, die in ihrer Kreativität den geschilderten Ansätzen Chlebnikovs nur wenig nachsteht (Anm.10). Eine der Grundannahmen der seiner Sprachtheorie ist, daß -wie oben schon genannt- Namen (vor allem von geographischen Orten) sich auch über längste Zeiträume wenig (oder kaum) verändern, und daß sich in ihnen -als Fixpunkte der Theorie- auch heute noch sprachliche Elemente finden, die auf die älteste Sprache zurückgehen, nämlich die Ursprache, von der -so der zweite Teil der Theorie- sämtliche Sprachen der Welt abstammen.
Fester hat aufgrund seines Vorgehens keine ernstzunehmenden Mitstreiter aus der Fachschaft der Linguisten (deren blindes Vorgehen er häufig kritisiert) aber dafür Unterstützung aus der Biologie: "Seine zentrale Aussage läßt sich biologisch voll legitimieren. Sie lautet: 'Sprache entstand zu einer (wenn auch fernen) Zeit nur an einem Ort innerhalb einer kleinen Gruppe von Menschen.'
Diese Aussage ist biologisch völlig berechtigt, denn sie beruht auf einer entsprechenden einhelligen Einsicht der Anthropologie:
'Der Mensch entstand zu einer (wenn auch fernen) Zeit und nur an einem Ort innerhalb einer kleinen Gruppe von Vormenschen.'"
(Prof. Dr. Joachim Illies in: Fester, "Urwörter", S.11)

 

2.3.1
die sechs Archetypen
 
"Jeder Linguist weiß, daß Wörter, die aus irgendeinem Grunde zu Namen werden, sich oft unverändert erhalten. Das gilt besonders für Landschaftsnamen, aber nicht nur dort. Müssen wir uns nicht auch bei gewissen Tiernamen fragen, was dahintersteckt, wenn so unterschiedliche Tiere wie GAUL, KALB, SCHWALbe, NachtiGALL, QUALLe, WAL, GULL (im Englischen für Möwe), die KAULquappe oder die SCHOLLe allesamt so überdeutlich das Urwort "KALL" im Schilde führen, eine Reihe, die sich bei Zuhilfenahme fremder Sprachen unendlich fortsetzen läßt! [...] Das KALL in diesen Bezeichnungen stellt kein Namenselement dar, dazu sind Qualle und Kalb, Gaul und Kaulquappe einfach zu verschieden. Es ist ein altes Wort für alles lebendige, das sich bewegt"
(Fester, "Steinzeit", S.24)
 
Nach ausgiebiger Forschungsarbeit (Anm.11) und der Überprüfung von rund 200 Sprachen, legt Fester die Früchte seiner Arbeit vor: "Paläolinguistisch verstanden, bestand ein frühen Menschen gemeinsamer Urwortschatz von sechs Archetypen. Diese sind in zeitlicher Reihenfolge: BA, KALL, TAG, TAL, OS, ACQ."
(Fester, "Urwörter", S.34)
Die Bedeutungen der Archetypen beschreibt Fester folgendermaßen:

BA steht für Begriffe um "Mutter, Kind, Liebe, Leib".
KALL für "Gefäß, Vagina, Frau, Kuhle, Höhle, Quelle" (Anm.12).
TAG für den "aufrecht gehenden Menschen", für "hoch", für "Waf- fe", Werkzeug, Wild, Zunge, und das männl. Geschlechtsorgan".
TAL für "unten, tief, Einschnitt, Tal, Insel, Insel, Weibliches"
OS für "Körperöffnungen" (mit Ausnahme der weiblichen / KALL),
für "See, Mündung, Höhleneingang, Esse"
ACQ für "trinkbares Wasser".

 

2.3.2
Sprachverwandtschaften / Wurzeln in der
Linguistik
 
"Natürlich läßt sich die Hypothese einer menschlichen Ursprache nicht direkt überprüfen. Aber indirekt spricht manches dafür, daß sich die Lautsprache, wie wir sie heute kennen, eine eher späte Erungenschaft des Menschen ist - und daß sie, wie der Homo Sapiens selbst, in einem lokal begrenzten Gebiet entstanden ist."
(Geo, S.92)
 
Die Linguistik ordnet die etwa 5000 Sprachen der Welt in 20 Familien (Anm.13) ein, innerhalb derer gemeinsame Wurzeln und verwandtschaftliche Beziehungen herrschen; einige Sprachen (wie z.B. das Baskische) konnten bisher nicht in das System eingeordnet werden. Verwandtschaften zwischen den Familien werden zwar diskutiert, Beweise für eine globale Ursprache werden sich aber im überlieferten Sprachmaterial kaum finden lassen, -denn Sprache verändert sich schnell; wesentlich schneller als genetische Information; und bekannte Fälle von Völkern, die ihre Sprache absichtlich aufgaben, um eine andere anzunehmen, nähren die wissenschaftlichen Zweifel, ob man einer (dazu womöglich noch erfundenen) globalen Sprachentwicklung überhaupt durch "biologisch-genetische" Methoden beikommen kann.

 

2.3.3
Kritik an Festers Methode
 
Unabhängig von den generellen und methodischen Vorbehalten der großen Mehrzahl der Linguisten gegenüber einer Theorie, die die Existenz einer (historischen) globalen Ursprache nicht nur annimmt, sondern auch noch deren (Sprach)Bausteine zu finden sucht; sind die Ansätze Festers zusätzlich mit dem Makel behaftet, daß er immer nur nach jenen Bruchstücken in seinem Fundus von 200 Sprachen sucht (und sie deshalb auch findet), die er braucht, um seine Theorien zu belegen. Der Bias ist Teil des Systems:
Allein durch die Wahrscheinlichkeit ist es bei der Durchkämmung großer Wortschätze sicher, daß zufällige Entsprechungen ähnlicher Worte zu finden sind:
"Obendrein erschweren Störeffekte die linguistische Detektivarbeit: Lehnwörter wie 'Tomate", "Ozelot" oder "Schokolade" sind keineswegs Beweise dafür, daß Deutsch und Nahuatl - die Sprache der Azteken, aus der die drei Wörter stammen - besonders nahe verwand sind.
Sprachwissenschaftler konzentrieren sich deshalb zum Beispiel auf Bezeichnungen für Körperteile, die höchst wahrscheinlich nicht aus anderen Sprachen entlehnt werden. Selbst dann können zufällige Ähnlichkeiten die Forscher narren: Im westafrikanischen Hausa zum Beispiel heißt Hand hannu und Lippe leebe."
(Geo, S.90)
Fester hingegen schließt aus genau solchen Übereinstimmungen auf seine Ursprache; und wenn die Begriffe nicht gut genug passen, wird das Ordnungssystem angepaßt. Kreativität in der Findung gemeinsamer Wurzeln gilt ihm als Tugend.
"[Es] gibt", schreibt Fester, "Grauzonen [...] zwischen den Archetypen mit Formen, die man sowohl BA als auch KALL zuordnen könnte, oder die TAG [bedeutet u.a. "oben"] und TAL [bedeutet u.a. "unten"] entstammen können.
Da hilft dann die Rückbesinnung auf die archetypischen Sinngehalte: Wenn ein Bergland 'Taunus' und ein Baum 'Tanne' heißt, dann sind das TAG-Formen, wenn dagegen ein Fluß 'Don', 'Donau', 'Seine' oder 'San' genannt wird, dann handelt es sich mit Sicherheit um eine TAL-Ableitung."
(Fester, "Eiszeit", S.28)
- Was im Klartext heißt, daß wenn vom Element her unklar ist, in welche Kategorie es paßt; man die Bedeutung aus dem Ordnungssystem ableitet - jenem Ordnungssystem das eigentlich durch die Elemente geschaffen werden soll.
Ich will hier aber gar nicht weiter auf Festers Steinzeitverklärung eingehen und jene offensichtlichen Fehler, die sich in seine trotzdem -oder gerade deswegen- sehr unterhaltsamen Bücher eingeschlichen haben (Anm.14).
Aber was nicht deutlich genug gemacht werden kann: Die ersten Worte der Menschheit waren nicht "Ba kall tag tal!" (was auch gar nichts bedeuten würde) sondern vielmehr: "Yosh, vikh yosh! go eev for yosh tak! go ua, vikh yosh, ua-ua!".



("Jäger, all ihr Jäger! Hier lang um die Beute zu jagen!
Geht schnell, ihr Jäger! Schnell, schnell!")

 

2.4
ein Verdacht wider die Geisteswissenschaften
 
Wann immer es in geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung um Elementares geht; um elementare Wahrnehmung, um elementare Sprachlichkeit, um elementare Erfahrung; bieten sich immer wieder Diskurse an, die ihre Inhalte in Vermutungen über eine vorgeschichtliche Epoche verankern.
 
Sprache sei entstanden aus dem Benennen, dem Bannen, aus Beschwörungen, aus der Mythifizierung der Natur - und die frühen Artefakte, die Venusfiguren und Höhlenmalereien hatten kultischen Charakter - dienten schamanistischen Zwecken...
 
Aussagen dieser Art -und ich benutze sie selbst gerne zur Illustrierung bestimmter Thesen (so z.B. unter Anm.1 dieser Ausführungen)- eignen sich für pseudo-wissenschaftliche Diskurse deshalb so gut, weil sie erstens nicht oder nur schwerlich widerlegbar sind (weil niemand jemals wissen wird, was in den Köpfen der Cro-Magnons tatsächlich vorging); und zweitens, weil in ihnen eine enorme Suggestivkraft steckt. Unsere neuzeitliche Vorstellung von der Vorgeschichte wurde selbst zu etwas wie kollektivem Bewußtsein: Es fällt uns leicht, aus heutiger Sicht Bilder zu imaginieren von schamanistischen Höhlenzaubern mit Mammutknochenorakeln und Jagdzeremonien - und allzuleicht wird dabei vergessen, daß diese Vorstellungen Bilder aus unserer Zeit sind - weil es keine (vorgestellten) Bilder aus jener Zeit mehr gibt.
Warum ist es nicht genauso gut denkbar, daß die Neandertaler äußerst reinliche Zeitgenossen waren? Sie hatten Badezuber aus Holz; die uns leider nicht erhalten blieben; - aber dafür kennen wir einige der damals angefertigten Abflußstöpsel aus Speckstein. Die kunsthandwerklich versierten, vorgeschichtlichen Stöpselmacher gaben ihren Werkstücken (man mag darüber spekulieren, ob dies aus Ulk geschah oder aus Mode) die Form kleiner, fetter, nackter Frauen ohne Arme.
 
Die Vorgeschichte hat ihren Namen daher, daß uns keine Geschichte aus ihr überliefert wurde; die Geschichten, die wir von ihr im Kopf haben, sind neuzeitlich.
Dies anzumerken erscheint mir wichtig, weil ich wert darauf lege, daß der folgende Abschnitt in dieser Weise rezipiert wird:
M-Kworr ist eine der jüngsten (modernsten) Sprachen überhaupt; sie gehört zur Gruppe der westgermanischen Sprachen.

 

2.5
die ersten Worte M-Kworr
 
"Yosh, vikh yosh! go eev for yosh tak! go ua, vikh yosh, ua-ua!" (s.o.), waren mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht die ersten Worte der Menschheit, sie waren nicht einmal die ersten Worte M-Kworr.
 
Die tatsächlich ersten Worte M-Kworr waren:
Jäger 1: "Tak!"
Jäger 2 (nickt): "Dah! Tak!"
 
(J1: "Fleisch!", J2: "Ja! Fleisch!")

 

2.5.1
drei Grundannahmen
 
1. Sprache entwickelt sich in Gruppen von Sprechenden, schon die ersten Worte wurden untereinander ausgetauscht - alles andere (wie das Beispiel Zamendorfs zeigt) macht wenig Sinn.
 
2. Der Mensch entwickelt die größten Anstrengungen, Dinge zu schaffen, wenn Notwendigkeiten oder Zwänge bestehen.
Im Falle der Sprachentwicklung bedeutet dies, daß Sprache (als Kommunikationsform) wahrscheinlich deshalb entwickelt wurde, weil Situationen bestanden, in denen non-verbale Kommunikation nicht mehr ausreichte: Gesten, Berührungen, Absonderungen von Duftstoffen waren archaische Formen (vor dem Sprechen), aber sie genügten in der Enge der kleinen vorgeschichtlichen Gemeinschaften für die alltägliche Kommunikation vollauf - erst recht zwischen der äußerst nahen Bindungen zwischen Mutter und Kind.
Sie genügten aber sicher nicht mehr den Ansprüchen an Kommunikation auf der Jagd; wenn es nämlich in der Gruppe um die Umsetzung einer Jagdtaktik geht.
Während des tief in das Steppengras geduckten Anschleichens; während des Stürmens auf die Beute, während des Sich-im-Gelände-Verteilens (um Tieren zu umzingeln oder zu treiben), waren die Gesten plötzlich untauglich geworden.
Die ersten Worte wurden nicht gesprochen sondern wahrscheinlich während des Rennens gebrüllt: "Tak, vikh Tak! Ua-ua!"
3. Von der Jagd zurückgekommen, brachten die Jäger neben der Beute auch die ersten Worte mit in die Sippen: Es waren einfache, brüllbare befehlsähnliche Laute, die aber zu den Kondensationspunkten der frühen Sprachentwicklung wurden. Wirklich zu entwickeln, begann sich die Sprache dann, als sich die Frauen ihrer annahmen: Sie waren wahrscheinlich (wie auch heute noch) kommunikativer veranlagt als ihre Männer: In der Ruhe des Lagerplatzes, während des Arbeitens, während des Sammelns von vegetarischer Nahrung und Aas und während der Aufzucht der Kinder, begann sich das Gebrüll der ersten Jagdbefehle zu liebenswürdigem Geschnatter zu verändern.

 

2.5.2
Was M-Kworr ist
 
Die ersten Worte M-Kworr ("Tak!" - "Dah! Tak!", s.o.) wurden gewechselt zwischen mir und Isak Goldschneider, dem (hierdurch) weiteren Mitbegründer M-Kworrs.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, wer von uns beiden das erste "Tak" gesagt hat, aber im Grunde genommen ist es auch völlig zweitrangig. Innerhalb eines Abends war das Grundvokabular geschaffen: knapp fünfzig Vokabeln, die (fast) alle in zwei zusätzlichen Potential-Formen vorliegen können -der Dopplung oder der "Vikh"-Steigerung- zusammen mit Satzzeichen (nur für den Schriftgebrauch) und zusätzlichen Erweiterungen (z.B. der Vokabel "Bug") bildeten innerhalb kürzester Zeit einen elementaren Wortschatz von (auf diese Weise) fast 160 Vokabeln.
Jedes Wort des Grundvokabulars kann gesprochen werden, hat einen "Buchstaben" als Bild und ist gleichzeitig einer Geste zugeordnet. M-Kworr ist also Laut-, Schrift- und Gebärdensprache.
Die Worte des Grundvokabulars (in der Regel einsilbig), sind immer Wort (mit einer eigenen Bedeutung) - und gleichzeitig auch Wortteile, die sich kombinieren lassen:
Es gibt keine Vokabel für Träne, wohl aber für Auge, Wasser und Schmerz aus denen in M-Kworr der Begriff Träne zusammengesetzt wird.
 

 
Träne: bug-ll hæh go eev for ang .
(Aug-Wasser das daherkommt wegen Schmerzes.) Vgl. hierzu:
 

 
bug-ll hæh go eev for ho (Aug-Wasser das daherkommt wegen Lachens)

Die Grundvokabeln wurden erfunden - oder (wie im Sinne der klassischen griechischen Philosophie) wiedererinnert. Goldschneider und ich konzentrierten uns und begannen mit Worten zu kommunizieren, von denen nicht immer klar ist, woher sie kamen.
(Der Marburger Altphilologe Matthias Döring weist auf einen Anteil von etwa 20 Prozent von M-Kworr-Vokabeln hin, die deutliche Nähe zum Westgermanischen aufzeigen; und wundert sich aber sehr über die Konsonantworte - wie z. B. bei den drei Grundelementen Erde ("M"), Wasser ("L"), Luft ("K") . Das Wort für Feuer ("fir") hingegen, so Döring, sei von den anderen Wörtern für die Elemente völlig verschieden; Fir (als dem Westgermanischen nahe Form) erscheint als weniger archaisch - und weise auf eine historische Entwicklung M-Kworrs entlang der Entwicklung des Homo Sapiens hin; die aber so natürlich nicht stattfand, weil die ersten Sprecher M-Kworrs [nämlich Goldschneider und Frisch] - und damit auch die Sprache selbst, diese Entwicklung niemals mitmachten. "Seltsam, seltsam" (so Döring))
 
Bleibt also die Frage nach dem woher - die wir [Goldschneider und Frisch], als Erfinder M-Kworrs, glauben, mit den Worten "aus dem sozialen Unterbewußtsein" beantworten zu müssen.
 
"Wie können wir, wo unsere Erfahrung doch so fragmentarisch und dürftig ist, zu derart[igen] Wissenssystemen kommen? [...]
Wie [kommt es], daß wir mit einer so beschränkten und subjektiven Erfahrung dennoch in reichen und hoch strukturierten Systemen von Annahmen eine derartige Konvergenz erzielen können, in Systemen, die dann unsere Handlungen, unsere Kommunikation und unsere Interpretation der Erfahrung regulieren.
In der klassischen Tradition wurden mehrere Antworten vorgeschlagen. In Anlehnung an Aristoteles könnte man die These vertreten, daß die Welt auf eine bestimmte Art und Weise strukturiert ist und daß diese Struktur von uns wahrgenommen werden kann, wobei wir von Einzeldingen ausgehen, über Arten und Gattungen zu immer weiteren Generalisierungen gelangen und so aufgrund der Wahrnehmung von Einzeldingen zu einem Wissen über Universalien kommen. Erlernbarkeit setzt eine 'Basis des präexistenten Wissens' voraus. Wir müssen eine angeborene Fähigkeit besitzen, aus Wahrnehmung abgeleitete Zustände des Wissens zu erwerben. Diese Zustände sind jedoch 'weder in einer bestimmten Form, noch aus anderen, höheren Wissenszuständen abgeleitet; sie gehen auf Sinneswahrnehmung zurück.' Wenn man genügend starke metaphysisch Annahmen voraussetzt, könnte man sich also vorstellen, daß wir aufgrund unserer 'Fähigkeit, diesen Prozeß' der 'Induktion' durchzuführen, ein umfassendes Wissenssystem erwerben könnten.
Ein fruchtbarerer Ansatz verschiebt die Hauptlast der Erklärung von der Struktur die Welt auf die Struktur des Geistes. Was wir wissen können, wird durch 'die Wahrnehmungsmodi unseres Verstandes' bestimmt. Unser Wissen bzw. unsere gewonnenen Überzeugungen hängen also von den spezifischen Erfahrungen ab, die uns bestimmte Komponenten des in unserem Geiste latenten kognitiven Systems evoizieren."
(Chomsky, S.13f)
 
Wenn diese "Modi" tatsächlich existierten (was mir persönlich lieber wäre, als die Existenz eines esoterischen Jung'schen kollektiven Unterbewußtseins), dann könnte das bedeuten, daß M-Kworr für Menschen wie Fester ein gefundenes Fressen wäre:
Die Ursprache wurde entdeckt und wurde gleichzeitig zu Sternensprache - Fester bräuchte nur anzurufen und könnte sofort mit dem Vergleichen beginnen!

 

2.5.3
Das Grundvokabular
 
M-Kworr sollte eine einfache Sprache werden - alle Wörter wären einsilbig, denn wir stellten uns vor, einen Zustand zu rekonstruieren , wie er herrschte, als die Jäger mit der Sprache von der Jagd nach Hause kamen.
Sie sollte rücksichtslos und eine reine Männersprache sein; Wörter für Gefühlsbeschreibung fehlen fast völlig und die einzige "native" zweisilbige Grundvokabel ist jene für das oberste transzendente männliche Prinzip: Heya.
 
(Die andere mehrsilbige Vokabel, die in M-Kworr aufgenommen wurde, stammt von einer Frau, die der Meinung war, es sei notwendig, ein Wort für "Wasser abschlagen" zu haben.
Sie brachte "sch-wissi-wissi" ein - ein fünfsilbiges Wort, dessen angeblich harntreibende Wirkung (beim bloßen Vernehmen des Wortes) von Mütter benutzt wird, wenn sie die Blasenentleerung ihrer Kinder beschleunigen wollen.
Mit der Einführung des Wortes "sch-wissi-wissi", brach die Weiterentwicklung der Sprache ab.
Es schien plötzlich nicht mehr Sache der Jäger zu sein, M-Kworr voranzutreiben.)

 

2.5.3.1
Sonne / Mond / die Transzendenzen
 
 
(01) "heya": der erste Buchstabe des
Alphabets. Es ist der Name des Sonnen- und Weltenschöpfers. Die Heya-Geste ist ein mit offener Hand in den Himmel deuten. Das Schriftzeichen ist das "Heh"-Symbol mit einem zusätzlichen kleinen Kreis im Inneren.

 
(02) "heh": die Sonne.
Die Geste entspricht der "Heya"-Geste aber mit weniger Pathos.
"Heh" bedeutet auch Tag, in bestimmten Fällen auch Jahr.

 
(03) "am" entspricht dem weiblichen
Transzendenzprinzip. Geste: gerundete Hand zeigt gen Himmel. In der Mythologie wird "Am" als Flüssegebärerin und Herrin der Nacht besungen.

 
(04) "mun" ist der Mond
(in M-Kworr allerdings: weiblich).
(Die Zusammenhänge zwischen "Am" und "Mun" entsprechen jenen zwischen "Heya" und "Heh"). "Mun" heißt auch Monat und Nacht
 
Ein beliebtes Lied hat den Text:
"Heya nah heh, ng Am nah mun"
(Heya macht den Tag und Am macht die Nacht)

 

2.5.3.2
Die Elemente

 
(05) "m", Erde, aber auch "ich"
(in Verbindung mit entsprechender Geste). Handbewegung: Handfläche (mit abgespreizten Fingern) streicht über Brust / Visualisierung der Linien des Zeichens auf dem Oberkörper des Sprechers)

 
(06) "ll", Wasser, See, Fluß.
Geste: Wellenlinien

 
(07) "k", Luft
"k" wird sehr impulsiv ausgesprochen, die Luft aus dem Körper geradezu ausgeschleudert. Die dazugehörige Geste visualisiert dieses Ausstoßen mit einer raschen Handbewegung, die ähnlich ist, wie Bewegungen, mit denen man Mücken verscheucht. Mücke heißt: knut-K-tak

 
(08) "fir", Feuer.
Geste: die nach oben gerichteten Finger der Hand ahmen das Züngeln von Flammen nach.

 

2.5.3.3
Mann und Frau


(09) "yosh", heißt auch "Jäger" und als Verb: "jagen"
Geste: Pose mit Speer einnehmen.

 
(10) "mam" heißt "Frau", "Mutter" aber auch "Fell" und "warm". (Für die Bedeutung "Fell" gibt es noch ein eigenes Schriftzeichen, s. Nr. (43))
Geste: Beide Hände streichen vom Schlüsselbein abwärts über die Brust.

 

2.5.3.4
Der menschliche Körper

 
(11) "bug" : der Kopf. Geste: an den Kopf fassen.
"bug" als Verb heißt "denken" oder "wissen".
Alle Teile am Kopf heißen "bug" (auch die Augen, Nase, Ohren) - als Verb bedeutet "bug" dann entsprechend: sehen, riechen, hören.
In der Schrift ist die Vielbedeutung des Begriffes kein größeres Problem: in das "Bug"-Zeichen wird das, wovon die Rede sein soll, mit eingezeichnet (das gleiche gilt für die Gestensprache.) In der gesprochenen Sprache muß hier die Geste dazukommen.

 
(12) "bom": Oberkörper von Fingerspitzen zu Fingerspitzen, von Hals bis Nabel. Geste: Die Faust schlägt an die Brust.

 
(13) "fu" : der Unterkörper, ab den Nabel abwärts.
Geste: Beide Hände streichen die Oberschenkel hinunter.
Zusammen gesprochen als "bug-bom-fu" bedeuten die Begriffe das Wort "alles" - wie in:
 


 
"Bug-bom-fu krah nah ang"
d.h.: Alles Gebären fügt Schmerz zu.
(Sprichwort)
 
weitere "Bug-Formen":
 
(11.1) Auge (sehen)
(11.2) Ohr (hören)
(11.3) Mund ("bug" als Mund ist nie Verb! s.Anm.15)
(11.4) Nase (riechen)

 

2.5.3.5
Die Du-Formen


(14) "tu", = Du .
Geste: auf Gegenüber deuten

(An dieser Stelle vorweggenommen: M-Kworr kennt keine Zahlwörter. Es gibt immer nur ein Ding, zwei Dinge, oder viele Dinge. Diese "Potenzen" - die Dopplung oder die "vikh"-Potenz sind auf jedes Wort anwendbar außer auf "Heya" und "Am" und "sch-wissi-wissi".
Im Falle von "tu" ergeben sich folgende Bedeutungen:

(14) "tu" = Du
(14+) "tu-tu" = ihr beiden
(14++) "vikh-tu" = ihr alle

 

2.5.3.6
Ja und Nein


(15) "dah" = Ja, das Zutreffen.
Geste: Nicken.
 

(16) "noh" = Nein, Nicht-Zutreffen.
Geste: Kopf schütteln.

 

2.5.3.7
Die Gegenstände
(eingeteilt in "Beute" und "Zeug")

 

2.5.3.7.1
Beute
 


(17) "tak" = Fleisch (generell)
Geste: Geballte Faust.
In der Vikh-Form: "vikh-tak" (d.h. wörtl "Viel Fleisch"), bedeutet in übertragenem Sinne "Guten Tag" oder "Auf Wiedersehen".


(18) "ng-kl" = ungehörnter Säuger
Geste: Hand zeigt mit Handrücken nach oben, die Finger abgewinkelt Richtung Erde


(19) "diir" = gehörnter Säuger
(westgermanische Wurzel)
Geste: Finger imitieren Hörner am Kopf
 
Weitere Tiernamen werden häufig mit "tak" gebildet:
"k-tak" (= Luftfleisch) : Vogel
"l-tak" (= Wasserfleisch): Fisch
"knut k-tak" (= kleines Flugfleisch): Fluginsekt etc.
"knut m-tak (hæh noh ham fu)" (= kleines Erdfleisch (wel-
ches nicht hat Beine)): Wurm etc.
 
Als interessant scheint hier noch darauf hinzuweisen, daß "mam - ut" (= Fell - Zahn) als Tierbezeichnung das "Mammut" bezeichnet. Ein Name also, der wohl anscheinend seit der Steinzeit unverändert konserviert war - Fester hat vielleicht doch recht: der Fall "mam-ut" legt nahe, das seine Methode durch Vergleich auf ein Urvokabular zu schließen womöglich gar nicht so verkehrt ist (wenn man sie ordentlich ausführt).
Außerdem noch folgendes: Während es Grundvokabeln für "diir" und "ng-kl" gibt, existieren keine ähnlich genauen Bezeichnungen für Pflanzliches. Pflanzen werden mit "m-krah" (Erd-Geborenes) bezeichnet , die eßbaren Früchte heißen (wiederum in Verbindung mit der Vokabel "Fleisch"): "m-krah-tak".
Nähere Bezeichnungen sind auch hier möglich, z.B.:
"m-krah-tak hæh noh ham l" (Erdgeborenes Fleisch welches ohne Wasser ist) für "Nüsse".

 

2.5.3.7.2
Zeug

 
u (20) "ut" = nützlicher Gegenstand, Werk-
zeug, Zahn Geste: auf Schneidezahn deuten.
 


(21) "tig" = Behausung, Gefäß Geste:
gewölbte Hand, mit Handrücken nach oben.
 


(22) "bak" = kleines zerkleinertes
Pflanzliches, Staub, Rauch. Geste: mit den Händen "Staub" in die Lüfte streuen.


(23) "mus" = Musik, Musikinstrument (aber auch:"musizieren") Geste: Pantomime eines beliebigen Instrumentes (z.B.: Flöte, Fiedel, Trommel)
 
Weitere Zeug-Worte wären: "mam" (für Fell, vgl. "mam" - Frau), "mam" steht hier allerdings bei den Zustandsworten, weil es gleichzeitig "weich" bedeutet.
Ähnliches gilt für "yosh" (Jagd), aber auch: "jagen" bzw. "Jäger". Generell sind auch alle Tätigkeitsvokabeln Zeugworte: "kworr" (sprechen) heißt auch "Sprache" usw.
 

 

2.5.3.8
Tätigkeiten 


(24) "kworr" = sprechen (auch: die
Sprache)Geste: auf Lippen deuten.


(25) "go" = gehen (auch: der Gang)
Geste: Finger imitieren Laufbewegung.
(deutl. westgermanischer Herkunft!)
 


(26) "nah" = machen, herstellen, erzeugen
Geste: Hände bearbeiten imaginäres Werkstück (wie im typographischen Zeichen)


(27) "ham" = haben
Geste: Greifen und heranziehen eines imaginären Gegenstandes.
(Die Dopplungsform "ham-ham" bedeutet "essen")


(28) "mah" = geben
Geste: Hergeben eines imag. Gegenstandes


(29) "thann" = danken. (auch: "der Dank")
Geste: beliebige Geste der Dankbarkeit. Das Schriftzeichen (als "Mythogramm" im Sinne Leroi-Gourhans) bildet die Dankesszene aus dem Heya-Mythos ab. (vgl. 2.5.5)
 


(30) "dans" = tanzen (der Tanz, Tänzer) Geste: Pantomime eines Tänzers
(westgermanische Vokabel)
 


(31) "luvv" = tlieben, mögen, bevorzugen
(als Nomen: "Geschlechtsverkehr")
Geste: Umarmung bzw. rhythmische Beckenbewegung


(32) "krah" = gebären, Leben
schenken, (als Nomen: das "Leben" oder "Geburt") Geste: Visualisierung des "Aus-dem-Unterleib--Kommen". Das Gegen-Wort zu "krah" ist "arkh" (Tod, sterben, unbelebt sein. "arkh" (42) ist jedoch eher adjektivisch und ist deshalb unter "Zustandsbeschreibungen" eingeordnet.


(33) "ff" = schlafen, (der Schlaf)
Geste: Augen schließen, Kopf auf die Schulter legen


(34) "ho" = lachen, (das Gelächter, der
Witz)Geste: auf den Schenkel schlagen (vgl. Schriftzeichen)


(35) "sch-wissi-wissi" = Wasser abschlagen.
Das erste "weibliche", vielsilbige Wort M-Kworrs. Es existieren hierzu keine Dopplungs- oder Vikh-Formen mehr.

 

2.5.3.9
Zustandsbeschreibungen


(36) "wukh" = groß, mächtig
Geste: beide Hände stellen die Größe eines Gegenstandes dar


(37) "knut" = klein, winzig
(vgl. "knut-k-tak" = Mücke, s.o.)
Geste: Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger wir gezeigt. Typographisches Zeichen -und Bedeutung- verwandt mit "bak" /(22))


(38) "ua" = schnell
Geste: Hand fährt rasch durch die Luft.


(39) "g" = scharfkantig, spitz
Geste: die Handflächen zeichnen das "g"-Symbol durch Aneinaderstellen der Fingerspitzen nach.
 
Anmerkung: "g" und "ut" (Werkzeug) stehen in mehrfacher Beziehung zueinander: die Schriftzeichen ähneln sich stark; die Beziehung zwischen "Scharfkantigkeit" und dem "Zahn" ist unübersehbar. als "g - ut" wurde der gelungen behauene Flintstein bezeichnet: Rasch wurde aus der Zusammensetzung der beiden Grundvokabeln das erste, sich voll durchsetzende, zusammengesetzte M-Kworr-Wort. In ausgeweitetem Sinn nahm es die Bedeutung des heute immer noch gebräuchlichen deutschen Adjektivs "gut" an (oder niederländisch "goed", englisch "good" etc. Die Wurzel des "g - ut" findet sich heute in allen westgermanischen Sprachen.
(Vgl. auch mit "steiler Zahn" als Slangbezeichnung für "mam hæh ham vikh-g-ut"; also die attraktive Frau.)
 

(39/20) "g-ut"
(keine echte Grundvokabel weil zusammengesetzt, dennoch elementar. (s.o.)


(40) "p-p-p" = unzufriedenstellend
(als Nomen: Kot) Geste: abfällige Handbewegung.


"ang" = schmerzhaft, weh
(der Schmerz) Geste: Mund wird schmerzvoll verzogen.
 
Anmerkung: es gibt in M-Kworr keine wirklichen Vokabeln zur Beschreibung von Gefühlen (selbst "luvv" wird überschattet von seiner Zweitbedeutung "Geschlechtsverkehr") - "ang" ist in vielen Fällen eine beliebte Hilfkonstruktion: weil es z.B. kein Wort für "Furcht" gibt, wird "bug ang" (eigentlich: "Kopfschmerz") synonym verwendet.
 


(42) "arkh" = tot, gestorben, leblos
aber auch: der Tod, das Töten, töten
(vgl.: "krah", s.o. (32))
Geste: je nach Bedeutung: mit der flachen Hand eine Waagrechte in die Luft zeichnen; an die Kehle fassen; oder ähnliches.


(43) "mam" = weich, warm (als No-
men: Fell) Geste: über die Wange streichen
(vgl.: (10) "mam" als "Frau / Mutter" s. Anm. unter 2.5.3.3, bzw. Anm. 2.5.3.7.2 über die "Zeug"-Worte.)

 

2.5.3.7.10
Ortsangaben
 

(44) "eev" = hier, hierher
Geste: auf die Füße deuten.

(45) "veh" = weg, hinfort
Geste: in die Ferne deuten.

 

2.5.3.7.11
Verknüpfungsworte

 


(46) "hæh" = was, welches;
als Fragewort bedeutet "¿hæh?":
"Was?" oder "Wie?". Vgl:
"¿hæh-yosh?": "Wer?"
"¿hæh-eev?": "Wo?"
"¿hæh-vee?": "Wohin?"
"¿hæh-vikh-heh?": "Wann?"
"¿vikh-hæh?": "Wieviele?"
"¿hæh-for?": "Warum?"; und
"...for-hæh..": ...weil..."
Geste: Hochziehen der Schultern.


(47) "for" = für, um ... zu, um
Geste: Symbolische Tauschbewegung: eine Hand geht zum Körper, die andere vom Körper weg.
 


(48) "ng" = und; und zugleich; vereinigt
Geste: Vereinen zweier Gegenstände in einer Hand
 


(49) "o" = oder
Geste: Aufteilen zweier Gegenstände in zwei Hände, trennen
 
Den Verknüpfungsvokabeln fällt im täglichen Sprechen eine zentrale Rolle zu: Wir dürfen nicht vergessen, daß all die hier gelisteten "Worte" nur zum einen Teil überhaupt Worte sind; und zum anderen Teil Buchstabencharakter haben.
"for" und "hæh" dürften die am meisten benutzten Elemente M-Kworrs überhaut darstellen.

 

2.5.3.7.12
Die Satzzeichen
 


(50) Verbindungsstrich


(51) Trennstrich

= (52) Fragezeichen
 
Amwendungsbeispiel:
"Ich glaube nicht, daß es übermorgen regnen wir; was meinst du?"
"|m nohbug, hæh k krah ll hehheh-gofor-eev| ¿hæh bug tu?"
 


1. Der erste Satzteil ist eingerahmt von Trennstrichen,
der zweite von Fragezeichen.
2. Einzelne Worte wie in "hæh bug tu?" stehen frei ne-
beneinander
3. Es gibt zwei Kategorien von Verbindungen einzelner
Grundvokabeln:
- die direkte Verbindung wie in "nohbug" (= "denkenicht") oder "gofor" (= "werden" , wörtlich: "kommzu") oder "hehheh" (= "Doppeltag"); und zweitens:
- eine losere Verbindung , die mit dem Bindestrich markiert wird. "Übermorgen" besteht aus den Grundvokabeln "Doppeltag", "werden" und "hier".
Diese Vokabeln, weil sie (wie im Falle von "gofor") selbst schon zusammengesetzte sind, werden mit dem Verbindungsstrich verbunden.

Die Zeichensetzung ist relativ frei einsetzbar. Um Hierarchien besser zu verdeutlichen bietet sich auch an, Doppel- oder Dreifachtrennstriche zu verwenden; Generell gilt, daß ein Streben nach bestmöglicher Verständlichkeit nie falsch ist - aber es herrscht auch größtmögliche Freiheit:
 
Es gibt keine geregelte Benutzung von Satzzeichen, genausowenig wie es Vorgaben für eine Schreibrichtung gibt:
Auch wenn in diesen Ausführung die Zeilung der Worte und eine Leserichtung von Links nach rechts durchgehalten wird, ist es durchaus üblich, hierauf zu verzichten.
M-Kworr wird häufig furchenwendig geschrieben; oder ¥(v.a. in der Kalligraphie) in Form von Zeichen-Clustern, die sich überschneiden und mit verschiedenen Zeichengrößen arbeiten.
Eine andere Form ist das Beschreiben von Kieselsteinen , die danach in Beuteln transportiert werden und je nach Zufall (wenn der Beutel gelehrt wird) immer andere Geschichten erzeugen.
Ursprünglich zur Übermittlung von Nachrichten gedacht, kam man jedoch schnell von dieser Form der Beutel-Post ab, weil die Inhalte auf diese Weise zu stark deformiert wurden. Die Kieselschrift dient heute nur noch als mnemogrammatische Erzählform für die Mythen.
 
(z.B. der "Heya-Mythos", s.o. 2.5.3.1)
 

 

2.5.3.7.13
Dopplung und Vikh-Form
 
Dopplung und Vikh-Form stellen keine eigenen Vokabeln oder Buchstaben dar, sondern können die M-Kworr-Staben lediglich begleiten.
(Sie wurden oben unter 2.5.3.5 bereits kurz eingeführt und an dieser Stelle lediglich aus Gründen der Vollständigkeit nochmals erwähnt.
 
Dopplung und Vikh-Form existieren für jedes Wort, außer für "heya", "am" und "sch-wissi-wissi".
 
Beispiele:
 

"ut", der Zahn

"ut-ut", zwei Zähne

"utut-utut", doppelt-zwei Zähne

"vikh-ut", viele Zähne

"vikh-ut / vikh-ut" doppelt viele Zähne

"vikh-vikh-ut" schier unvorstellbar große Menge von Zähnen

 
 
Dopplung und Vikh-Form bei zusammengesetzten Worten wird parallel hierzu folgendermaßen gebildet:
 
 

"yosh hæh nah tig"  
(ein Architekt)
 

"yosh-hæh-nah-tig / yosh-hæh-nah-tig"  
(zwei Architekten)
 
 
"yosh-hæh-nah-tig-yosh-hæh-nah-tig / yosh-hæh-nah-tig-yosh-hæh-nah-tig"  
( vier Architekten)
 

"vikh-yosh-hæh-nah-tig "
(doppelt viele Architekten)

"vikh-yosh-hæh-nah-tig - vikh-yosh-hæh-nah-tig"
(doppelt viele Architekten)

"vikh-vikh - yosh-hæh-nah-tig"
(schier unfaßbare Menge von Architekten)

 

 
2.5.4
Drei oder mehrere füre

Nicht immer ist sofort durchschaubar, was Worte wie ...

("eev-eev", d.h.: "Doppel-Hier") oder

 
("vikh-for", d.h.: "drei oder mehr füre" bzw.
"drei oder mehr um-zus") ...
 
bedeuten sollen, aber sie sind sagbar und deshalb bedeutungsvoll.
Wie oben (unter 2.2.2.2) schonmals zitiert, glaubt André Leroi-Gourhan, "das wissenschaftliche Denken [werde] durch die Notwendigkeit, sich am Faden der Typographie entlang zu bewegen, eher behindert [...]", und beschreibt einen Zustand, in dem es uns heute nur noch unter Schwierigkeiten möglich ist, ein paralleles, ungerichtetes Denken zu versuchen, um die archäologischen Artefakten zu deuten; - ein Denken, das Prinzipien anwendet, die den Fundstücken gerecht werden, weil sie ihnen innewohnen.
(Leroi-Gourhan, S.493)
Eine Auseinandersetzung mit M-Kworr könnte diesbezüglich neue Wege eröffnen.

< Illustration: Nichtlinearität in der Kalligraphie M-Kworrs / die Beutelpost: Skriptur des Heya-Mythos >

 

2.5.5
Der Heya Mythos
 
kworr for heya
(01) noh-bugfor kworr vikh-hæh vikh-heh hamgo vee -
(02) for: noh ham heh, vikh-heh hamgo vee.
(03) noh hambug noh m
(04) noh hambug noh k
(05) noh hambug noh ll
(06) ¿tu luvvfor bug hæh eev hamham fir?
(07) m hamfor ho, knut yosh!
(08) noh hambug eev noh eev!
 
(09) for vikh-knut heh - hambug (Geste Auge) heh!
(10) heya hamkrah heya!
(11) heya nah heh!
(12) am hamkrah am!
(13) ng am nah mun!
(14) heya ng am!
(15) heya ng am hamnah hæh eev go eev.
(16) bug-bom-fu hamkrah heya vikh knut heh.
(17) vikh knut heh.
(18) vikh vikh knut heh.
 
(19) vikh-m hamfor thann for vikh-knut heh.
(20) hamfor than, knut yosh,
(21) hamfor than.
 
(Anm. 16)
 
Der Heya Mythos beschreibt den Anfang der Welt:
In einer Zeit, die solange zurückliegt, daß man nicht mehr wisse, wieviele Jahre es her sein möge, daß sich das folgende ereignet hatte, herrschte Dunkelheit, leitet der Erzähler den Mythos ein. Man kannte nichts: weder Erde noch Luft noch Wasser - und auf die Frage eines kleinen Jungen, ob es denn kein Feuer gegeben hätte (wohl um zu sehen), muß der Erzähler lachen:
"Dort, mein Junge, gab es nichts! Nicht einmal ein dort!" An dieser Stelle beginnt sich die Komik der Erzählung zu entwickeln, die auf die Vielbedeutung des Wortes "heh" in M-Kworr aufbaut. "Heh" ist die Sonne, das Symbol des Weltenerschaffers "Heya", aber "heh" bedeutet auch Jahr oder Tag. "Knut heh"kann demnach mindestens zweierlei bedeuten: Entweder eine kurzen ("knut"=klein) Moment (als Teil des Tages) oder aber einen kleinen Lichtblitz, eine kleine Sonne.
Zeile (09) des Mythos lautet: Für einen sehr kleinen "heh" sehe ich "heh"!
(Also: ein kurzes (Tages)aufblitzen, und ich sehe den Tag! oder auch: für einen kleinen Moment war dort ein Moment!) Zeit und Licht erscheinen in der Erzählung als von "Heya" erzeugt, der sich selbst gebar. Durch das Aufblitzen, "das winzige, winzige Aufblitzen" (oder: "durch den Moment, den winzigen winzigen Moment") (18) löst sich der unvorstellbare Nicht-Raum auf, der sich vorher jeglicher Vorstellung entzog.
Diese Nichtvorstellbarkeit des Vorweltlichen äußert sich auch schon in der ersten Zeile des Mythos, in der die paradoxe Situation eines Zustandes vor einer gewissen Zeit beschrieben wird, in der es noch keine Zeit gab.
Um so erlösender ist das winzig kleine Aufblitzen "Heyas", der winzige Moment, der den Fixpunkt im Chaos des Unvorstellbaren darstellt.
Im Heya Mythos geht es primär um diesen Moment. Es wird zwar noch geschildert wie sich "Am" gebärt, um vereinigt ("ng",14&15) mit "Heya" die Welt -in Tag und Nacht- zu ordnen, aber das Ende ist diese Erkenntnis: Dafür müssen wir danken! "Für den winzigen Moment! Den winzig winzigen Moment!"
Das Bild des mit großer Geste für den winzigen Moment dankenden Jungen wurde zum Symbol für den gesamten Mythos; das Bild, das Mythogramm, wurde zum Schriftzeichen für die Vokabel "thann". (vgl. 2.5.3.8)
 
Das Lied von Heya
(01) Nicht weiß man zu sagen, wieviele viele Jahre vergangen sind -
(02) denn: es gab keine Jahre, vor lang vergang'ner Zeit.
(03) Man kannte keine Erde.
(04) Man kannte keine Lüfte.
(05) Man kannte nicht das Wasser.
(06) Du möchtest wissen, ob es dort Feuer gab?
(07) Darüber muß ich lachen, kleiner Jäger!
(08) Man kannte dort kein dort!
 
(09) Für eine kleinen Moment - seh' ich Licht!
(10) Als Heya sich selbst gebar!
(11) Heya, der den Tag macht!
(12) Und Am gebar sich selbst!
(13) Und Am macht die Nacht!
(14) Heya vereinigt mit Am!
(15) Heya vereinigt mit Am vollbrachten, daß das Hier herkomme.
(16) All das gebar Heya in einem winzigen Moment.
(17) Ein sehr winziger Moment.
(18) Ein winzig winziger Moment.
 
(19) Wir müssen danken, für den winzigen Moment.
(20) müssen danken, kleiner Jäger,
(21) müssen danken.

 

 

3.
Nahbug kworr m-kworr!!
 
Die nach diesem Punkt folgenden Tafeln, die die vorliegenden Ausführungen soweit abschließen, stellen den momentanen Stand der Entwicklung M-Kworrs als Übersichten dar.
Sie sind längst nicht vollständig; und repräsentieren auch lediglich den "toten", d.h. fixierten Teil der M-Kworrs. Das gesprochene M-Kworr hingegen, ist im Begriff sich zu verändern: die Sprache spaltet sich jetzt schon in zwei unterschiedliche Dialekte auf; - in bisher zwei Zungen, die sich zwar verstehen, aber bereits sehr verschiedene Wörter gefunden haben für ein und dasselbe Objekt:

 
bedeutet den Nord-Yoshs "Automobil" - wohingegen im Kworr der Süd-Yoshs es heißt:

 
Womöglich liegt es an unserer Zeit: Die Einführung der
 


(der ut-hæh-bug-bugbomfu)
 
die in allen unseren Bereichen unserer Lebenswelten eine scheinbare Beschleunigung bewirken (das ständige "ua-ua", das jedweden modernen "ll-go" zu begleiten scheint); -und gerade die Entwicklungen in "kworr" und "kworr-for-bug (Geste Auge)"; machen in heutigen Zeiten sprachliche Flexibilität in steigendem Maße wichtiger.
M-Kworr ist für diese Entwicklungen gerüstet: Der Grundwortschatz der knapp 50 Vokabeln ist lediglich das Alphabet der Sprache, und die Worte lassen sich frei erzeugen -
ein Umstand, der es M-Kworr stets ermöglicht, eine moderne Sprache zu sein, die sich den Anforderungen ihrer Zeit anzupassen vermag.
Die Logik, die ihrer Struktur innewohnt, ermöglicht es, vikh-kworr aus den unterschiedlichste Kulturkreisen zu verstehen, - gerade sie (als "m"-kworr) hat das Potential zur Sternensprache; und sie ist es auch: eine Sternensprache aus unserer inneren Vorstellung oder Erinnerung.
Die Vorteile gegenüber den anderen dargestellten Formen liegen auf der Hand. M-kworr ist als Struktur komplett: Es bedarf keiner Maler mehr (nach denen Chlebnikov noch ruft) - und es bedarf auch keiner langfristigen, vergleichenden Untersuchungen, um zu ihr zu gelangen.
Der Umstand, daß sie einfach ist (weil sie sich in ihrer Entwicklung als "die-Sprache-die-von-der-Jagd-kam" einschränkte und nach "sch-wissi-wissi" keine weiteren Grundelemente mehr in sich zuließ), ermöglicht es, M-Kworr innerhalb weniger Stunden zu erlernen - wenn "erlernen" an dieser Stelle überhaupt die richtige Vokabel ist; ... denn im Grunde kennen wir sie alle schon.
 
Nahbug kworr m-kworr,
liebe Völker der Welt!!!
 

 

 

 

 

Christian Frisch,
Juni 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

Chlebnikov
Velimir Chlebnikov, "Werke, Poesie, Prosa, Schriften, Briefe", Frankfurt 1985. (Anm.: Die Werksausgabe vereint in einem Band zwei Bücher, die jeweils als Teil 1 oder 2 gekennzeichnet sind.)
 
 
Charms:
Daniil in Charms "Zwischenfälle", Frankfurt 1993
 
 
Leroi-Gourhan:
André Leroi-Gourhan, "Hand und Wort, die Evolution von Technik, Sprache und Kunst", Frankfurt, 1988
 
 
Kapr:
Albert Kapr, "Schriftkunst", Dresden, 1983
 
 
Geo:
Geo-Wissen, Sonderpublikation "Kommunikatiom", Heftnr. 2-89, Hamburg, 1989
 
 
Fester, "Urwörter":
Richard Fester, "Urwörter der Menschheit, eine Archäologie der Sprache", München, 1981
 
 
Fester, "Steinzeit":
Richard Fester, "Die Steinzeit liegt vor deiner Tür, Ausflüge in die Vergangenheit", München, 1981
 
 
Fester, "Eiszeit":
Richard Fester, "Sprache der Eiszeit", München, 1980
 
Chomsky:
Noam Chomsky, "Reflexionen über die Sprache", Frankfurt, 1993
 
 
Goethe, "Farbenlehre":
J.W.v. Goethe, Werke Hamburger Ausgabe, Band 14, Naturwissenschaftliche Schriften II, München 1988
 
 
du, Zeitschrift der Kultur, Heft Nr. 8, August 1996, Titel "Am Anfang war die Kunst. Die ersten Schritte des Menschen." Zürich, 1996
 
 
 
 
 
 
 
 
Anmerkungen
 
 
Anm.1 / Punkt 1.1
Grund für diese Annahme ist die Bedeutung der Wiederholbarkeit zur Verifizierung experimentell gewonnener Erkenntnisse im wissenschaftlichen Versuch - und im Gegensatz dazu, die Bedeutung der Wiederholung im Künstlerischen.
Künstlerische Arbeitsweisen, auch -und vielleicht sogar gerade- die experimentellen Ansätze, werden in der heutigen Kunstdiskussion fast schon zwanghaft immer zusammen mit dem Begriff der Freiheit gedacht. Die Kunst muß frei sein - auch wenn sie das über Jahrtausende, bis hinein ins letzte Jahrhundert nicht war, weil sie konkrete, schamanistische, religiöse, repräsentative, usw. Zwecke zu erfüllen hatte. Natürlich hat auch moderne Kunst Zwecke zu erfüllen, aber das soll hier nicht das Thema sein. Vielmehr erscheint sich aus der Annahme der Freiheit der Kunst ein Wiederspruch zum Wesen des Experimentes zu ergeben, wenn wir hier unter Experiment zunächst den wissenschaftlichen Versuch betrachten. Um aus empirischen Anordnungen Erkenntnisse gewinnen zu können, ist es für den Wissenschaftler notwendig, den Versuch unter standardisierten Bedingungen durchzuführen; immer nur eine genau überlegte Menge an Parametern zwischen den Durchführungen zu verändern; sowie dafür Sorge zu tragen, daß die Anordnung, beziehungsweise die erzielten Ergebnisse, wiederholbar sind. Da sich in der Empirie die Dinge nie wirklich wiederholen, baut das wissenschaftliche Experiment auf das Erzielen möglichst kleiner Abweichungen auf.
Das künstlerische Experiment, so erscheint es mir, verfolgt hier häufig genau das Gegenteil: nämlich die Erzeugung möglichst großer Abweichungen.
Glücklicherweise ist das nicht immer so, aber es ist auch so. Die hier am Rande angemerkte Überlegung soll aber nicht weiter vertieft werden; sondern dient lediglich der Illustration meiner These der Verschiedenheit der Anliegen der Experimente in Kunst und Wissenschaft.
 
 
 
 
Anm. 2 / Punkt 1.3
Der Name "Pidgin" leitet sich aus der chinesischen Aussprache des englischen Wortes "Business" ab. Es gibt verschiedene Pidgin-Sprachen -das sind Behelfssprachen- die nicht unbedingt englische Anteile in sich bergen müssen. Das angesprochene Pidgin-English Ostasiens (Chinas) hat sich seit dem 17 Jahrhundert als Handelssprache entwickelt und besteht aus einem stark reduzierten englischen Grundwortschatz in Kombination mit chinesischer Aussprache und Bildung der Wörter sowie einer aus dem Chinesischen stammenden Grammatik.
 
 
 
 
Anm.3 / Punkt 2.1.1
Obwohl Chlebnikovs Werk einer genaueren Untersuchung wert wäre, würde ein solches Unterfangen sehr bald an Grenzen stoßen, die verursacht werden, durch die Schwierigkeiten der Übersetzung der Texte aus dem Russischen bzw. meiner Unkenntnis der russischen Sprache. Glücklicherweise liegt mir hier eine Ausgabe vor, in der schwierig zu übersetzende Texte oder Nachdichtungen in mehreren Versionen abgedruckt sind. Das zitierte Gedicht "Beschwörung durch Lachen" liegt in der Ausgabe in neun Übersetzungen vor und einer Transkription des Originals in das lateinische Alphabet. Die Qualität der Übersetzungen gibt einen meiner Meinung nach guten Einblick in das, was dem Originaltext eigen zu sein scheint. Und es erscheit eine seltsame Homogenität der Übersetzungen der verschiedenen Dichter - auch das wäre ein Thema für weitere Auseinandersetzungen, bleibt hier aber nur am Rande erwähnt
Anm.4 / 2.1.3.1
 
Vgl.: Chlebnikov, Teil2, S.603; Wassily Kandinsky, 1866-1944, Maler und Grafiker, lebte und arbeitete in Rußland, Deutschland und Frankreich; Hugo Ball, 1886 - 1927, dt. Dadaist, 1915 in die Schweiz emigriert; Raoul Hausmann, 1886-1971, österr. Künstler, Mitglied der Berliner Dada-Gruppe.
 
 
 
Anm.5 / 2.1.3.2
Gerade hier stoßen die Übersetzer des Chlebnikov'schen Werkes auf Probleme, du nur unter größten Schwierigkeiten zu meistern sind. Ein wichtiger Beleg für die These, "M" bedeute die Zerteilung eines Ganzen in einzelne Teile, ist im Original das russische Wort "Molot" (=Hammer). In der deutschen Übersetzung wurde versucht, sinngemäße Entsprechungen zu finden (hier z.B.: "Meißel"), und einige der Wortschöpfungen in den Übersetzungen von Texten wie "Zerlegung des Wortes", "Von den Grundeinheiten der Sprache", "Verzeichnis. Alphabet des Geistes" und "Wörterbuch der Sternensprache" (Chlebnikov, Teil 1, S.140ff) sind mehr als seltsam - spiegeln aber eine "kreative" Arbeitshaltung in der Erfindung "wissenschaftlicher Beweise" und neuer Worte wider, die in Chlebnikovs Original, so die Übersetzer, auch zu finden ist (vgl. Chlebnikov, Teil 2, S.535ff). Gleichzeitig decken die Übersetzungsschwierigkeiten natürlich auch die Problematik der Annahme auf, die Wahrheiten des Alphabets wären in allen Sprachen dieselben und deshalb universell. Aber wir wollen hier keine Spielverderber sein.)
 
 
 
 
Anm.6 / 2.2.2
Vgl.:"Eine kurze und fragmentarische Übersicht der ersten Etappen der Schriftentwicklung könnte etwa so aussehen: 1. Vorstufen der Schrift, 2. Ideenschriften, 3. Wortbild- und Wortlautschriften, 4. Silbenschriften, 5. Lautschriften." (Kapr, S 13)
 
 
 
Anm.7 / 2.2.2.3
(Zum Thema der sich ablösenden Bilder am Rande:)
"[Es] gibt eine [...] Art Empfindbares, [...], welche von vielen Mannigfaltigkeiten besteht. Diese werden von uns sämtlich Farben genannt, eine Flamme, die von jedem Körper ausfließt und solche Teile hat, die sich zum Sinn des Gesichts dergestalt verhalten, daß sie von ihm empfunden werden können. [...]
Was von jenen Teilen dergestalt herangebracht wird, daß es ins Gesicht fällt, ist entweder kleiner oder größer als die Teile des Gesichts oder ihnen völlig gleich.
Das Gleiche wird nicht empfunden, deshalb wir es durchsichtig nennen. [...]
Ein lebhafter Trieb aber und eine andere Art Feuers dringt von innen gegen die Augen und entbindet gleichfalls das Gesicht, und indem er die Gänge der Augäpfel mit Gewalt durchdringt und schmelzt, wird ein feuriges Wasser häufig vergossen, das wir Träne heißen. Jener Trieb aber ist ein Feuer, das dem äußern begegnet.
Wenn nun das innere Feuer herausstürzt wie ein Blitzstrahl, indem das äußre eindringt und in der Feuchtigkeit verlischt, werden wir durch die bei solcher gegenseitigen Wirkung entstandenen Farben geblendet, und dasjenige, wovon sich die Wirkung herschreibt, nennen wir leuchtend oder glänzend.
Eine mittlere Art Feuer hingegen, die zur Augenfeuchte gelangt und sich damit verbindet, bringt zwar keinen Glanz hervor; weil jedoch die Feuchtigkeit sich mit dem Leuchten des Feuers vereinigt, entsteht eine Blutfarbe, welche man Rot nennt."
(nach Platon in: Goethe, "Farbenlehre", S.18f.).
 
 
Anm.8 / 2.2.2.3
Nicht umsonst sprechen wir von Geschichts<i>schreibung ; das Mündliche hingegen führt zu Mythen. Diese Ansicht stand übrigens Pate bei der Geburt der Ethnographie: Jedes Volk habe ein Recht auf seine eigene Geschichte -dachten sich die Europäer- und zogen aus, um mit Block und Bleistift Entwicklungshilfe zu leisten, und jenen Völkern eine Geschichte zu schreiben, die (mangels einer Schrift) selbst dazu nicht in der Lage gewesen wären.
 
Anm9: "Schon das erste sprachwissenschaftliche Werk -die Beschreibung des Sanskrit, der klassischen Sprache Indiens, durch die Gelehrten Pánini [war] ein Versuch, die Sprache der heiligen vedischen Überlieferung gegen den Wandel in der Aussprache und Grammatik zu festigen." (Dr. Manfred Krifka in: Geo, S.88))
 
 
Anm.10 / 2.3
... und die wahrscheinlich auch der Grund ist, aus dem er in keinem wissenschaftlichen Institut arbeitet.
 
 
Anm.11 / 2.3.1
"Der scheinbare Widerspruch zwischen RHEIN und RHÖN gab einen weiteren paläolinguistischen Anstoß. Das offensichtlich gleiche Wort für einen Fluß und ein Mittelgebirge forderte eine Erklärung. Nun ist RHEIN kein Einzelfall, jedes europäisches Land hat Entsprechendes: Frankreich RHONE und ROANNE, Italien RENO, England RANNOCH, Norwegen RENA, Schweden und Finnland RÖNNE. Abseits des deutschen RHEINes gibt es eine Fülle von Ortsnamen auf RHEIN-, und: es gibt das märkische RHIN. Letzteres und die Ortsnamen führen zur Lösung: RHEIN-Namen finden sich immer da, wo in niederschlagsreicheren Zeiten Sümpfe, Moore und ganze Seenketten entstehen mußten. Das war am OberRHEIN der Fall, ebenso an der RHONE. Das galt erst recht für das RHIN mit seinem RHEINsberg, bis zu seiner Trockenlegung. Damit wurde auch der Name RHÖN verständlich, sind doch die selbst heute noch kaum geschmälert vorhandenen Hochmoore und vielen RINNsale (RINN = RHEIN!) das besondere Merkmal der HochRHÖN.
Später fand ich nahe Washington die indianische ROANoke und im tiefen Süden des Doppelkontinents zahlreiche RHINihue. Die dort lebenden Mapuche-Indios haben für unser RINNen das gleiche Wort: RINün. Importiert? Woher wohl? Aus dem Sanskrit - RINA? Oder aus dem Tibetischen - RAN? Oder aus dem Japanischen - RYUN? Oder gar aus demm Kisuaheli Schwarzafrikas - bahaRINI?" (Fester, "Urwörter", S.23)
 
 
 
Anm.12 / 2.3.1
"KALL war [...] enes der am weitesten verbreiteten verbreiteten Urwörter für die Frau. Gal, Kora, Gina, Hilde, Kunigunde, Gunhild, Gail, Coloma, Gild, Kjellaug, Kalinka und wie sie alle heißen, sind daher ursprünglich gleichfalls keine Namen, sondern reflektieren die lapidare Feststellung bei der Geburt: 'Ein Mädchen!'" (Richard Fester, "Steinzeit", S.24.
 
 
 
 
Anm.13 / 2.3.1
 
Sprachfamilien (und geographische Einordnung)
Afro-Asiatisch (Arabien, Nordafrika)
Altaisch (Türkei, Zentralasien)
Amerindisch (Nord und Südamerika)
Australisch (Australien)
Austroasiatisch (Vietnam, Kambodscha)
Austronesisch (Madagaskar, Indonesien, Mikronesien, Pazifische Inseln)
Daisch (Thailand, Vietnam, Südchina)
Dravidisch (Südostindien)
Eskimo-Aleutisch (Alaska)
Indo-Europäisch (Indien, Persien, Europa)
Indo-Pazifisch (Neuguinea, Tasmanien)
Kaukasisch (Kaukasus)
Khoisan (Südwestafrika)
Miao-Yao (kontinentales Südostasien)
Na-Dené (Kanada, Nordamerika)
Niger-Kordofanisch (Zentralafrika)
Sino-Tibetanisch (Tibet, China)
Tschuktschisch-Kamtschadalisch (Kamtschadka)
Nilo-Saharanisch (Sprachinseln im nördl. Zentralafrika)
Uralisch-Jukargisch (Nordwestrussland, Finnland, Lappland, Ungarn)
 
nicht einordenbare Sprachen:
Baskisch (Baskenland)
Buruschaki (Himalaya)
Ket (Zentralasien)
Giljakisch (Nordkoreanische Halbinsel und Festland)
Nahálí (Zentralindien)
 
 
Anm.14 / 2.3.3
Ein Beispiel: cha'KUI (japanisch "Empfängnis") sei ein KALL-Wort (KALL = weibliches Prinzip), was deutlich werde, weil die Silbe "KUI" eine KALL-Variation sei, schreibt Fester in "Sprache der Eiszeit". Tatsächlich gibt es aber gar keine japanische Silbe "KUI", sondern das Wort "Empfängnis" baut sich im Japanischen aus den Worten "Chaku" (Ankunft) und "I" (Wandlung) auf.
 
 
Anm.15. / 2.5.3.4
Bug (+ Geste für Mund) ist immer nur ein Nomen.
Für "sprechen" gibt es die Vokabel "kworr",
Für "essen" die Vokabel "ham-ham".
"Schmecken" wir behelfsmäßig aus "ham-ham" und "g-ut" gebildet.
("tak ham-ham g-ut")
 
 
Anm.16 / 2.5.5
Der Heya-Mythos in Zeilenform:
 
 
nþ1< q ? H ö- v ÷÷
< þþ n ö h ÷ H ö- v ÷÷
n ö1 n m ÷
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n ö1 n l ÷
&emdash; t p< 1 h öö # &emdash;
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PS.:
Am 5. Mai 1999 erschien auf
Seite 1 von Bild-Frankfurt folgende Nachricht.:
 
 
 
 
 
Auf der Scherbe steht
 
"ua k: bug (Geste Auge) mun g"
Das Zeichen für "g" steht um 180° gedreht auf dem Kopf,
die Sprödheit des Materials führte zu etwas ungelenken Schriftzeichen, doch der Inhalt ist klar.
Der Inschrift lautet übersetzt:
"Bei starkem Wind, ist der Mond scharf zu sehen"