Christian Frisch
Referat zu "Ästhetik" WS 95/96, bei Dr. D. Mathy, HfG-O (VK)
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Farbe und Bewegung
(über das Phänomen der Bewegung /
unter Betrachtung der Bewegung der Farben)

 

1. Das Thema
2. Über die Betrachtung
3. Stillstand
4. Bewegung
5. Farbe (und Bewegung)
6. Weltbilder
 
 
 

 

 

Farbe und Bewegung
(über das Phänomen der Bewegung /
unter Betrachtung der Bewegung der Farben)

 

1. Das Thema
 
"Übrigens gibt es eine [...] Art Empfindbares, die wir abzuhandeln haben, welche von vielen Mannigfaltigkeiten besteht. Diese werden von uns sämtlich Farben genannt, eine Flamme, die von jedem Körper ausfließt und solche Teile hat, die sich zum Sinn des Gesichts dergestalt verhalten, daß sie von ihm empfunden werden können. [...]
Was von jenen Teilen dergestalt herangebracht wird, daß es ins Gesicht fällt, ist entweder kleiner oder größer als die Teile des Gesichts oder ihnen völlig gleich.
Das Gleiche wird nicht empfunden, deshalb wir es durchsichtig nennen. [...]
Ein lebhafter Trieb aber und eine andere Art Feuers dringt von innen gegen die Augen und entbindet gleichfalls das Gesicht, und indem er die Gänge der Augäpfel mit Gewalt durchdringt und schmelzt, wird ein feuriges Wasser häufig vergossen, das wir Träne heißen. Jener Trieb aber ist ein Feuer, das dem äußern begegnet.
Wenn nun das innere Feuer herausstürzt wie ein Blitzstrahl, indem das äußre eindringt und in der Feuchtigkeit verlischt, werden wir durch die bei solcher gegenseitigen Wirkung entstandenen Farben geblendet, und dasjenige, wovon sich die Wirkung herschreibt, nennen wir leuchtend oder glänzend.
Eine mittlere Art Feuer hingegen, die zur Augenfeuchte gelangt und sich damit verbindet, bringt zwar keinen Glanz hervor; weil jedoch die Feuchtigkeit sich mit dem Leuchten des Feuers vereinigt, entsteht eine Blutfarbe, welche man Rot nennt."
(nach Platon, Q1/S.18f.)
 
Der Titel dieser Ausführungen zum Thema "Farbe und Bewegung" sollte zuerst lauten: "Einige Gedanken über das Phänomen der Bewegung unter Betrachtung von Dingen, die still stehen - insbesondere der Farben."
Die Arbeit hätte von den Begriffen "Bewegung", "Betrachtung", "Stillstand" und "Farbe" gehandelt, und gedacht war eine Auseinandersetzung mit den farbigen Oberflächen, die uns im Raum umgeben, die wir betrachten und die dennoch so beschaffen sind, daß ihre Farbe auf ihnen still zu stehen scheint. Stillstand hätte als Begriff dienen sollen, der beschreibt, wie beispielsweise eine blaue Tasse nichts von ihrer Bläue verliert, wenn sie betrachtet wird, oder daß man annehmen kann, daß jenes Tassenblau auch in Zukunft blau bleiben wird.
Nun ist es allerdings so, daß schon nach kurzer Auseinandersetzung mit den Theorien der alten Griechen über die Farben, es schwer fällt, die Art wie Oberflächen und Farben zusammenhängen, als stillstehend anzusehen. Die klassischen Theorien (s.o.) handeln von der Bewegung der Farbe zum Auge hin; oder von einem Strahl des Auges zum Gegenstand.
Farbe wird beschrieben als etwas in der Betrachtung entstehendes; die Annahme, daß die gesehene Tasse überhaupt blau sei, wird in Frage gestellt:
Ein Ding ist, was es ist und kann also definitionsgemäß das, was es von sich in den Raum abstrahlt, gar nicht sein. Das was ein Betrachter zu Auge bekommt, muß also alles andere sein, als der Gegenstand selbst, folgert Demokrit und formuliert:
"Die Farbe [ist] nichts an sich. [...] Das Sehen gesch[ieht] daß Bilder von den Gegenständen sich absondern und ins Auge kommen." (nach Demokrit und Epikur in Q1/S.16f)
 
Stillstand als Begriff, der Farbe und Bewegung trennt, erscheint in diesem Licht nicht mehr sinnvoll; stattdessen wird eine Verwandschaft der beiden Phänomene "Farbe" und "Bewegung" deutlich:
Bewegung muß dialektisch gedacht werden als Erscheinung zwischen Übergang und Durchhalten, zwischen Sein und Nichtsein - und ähnliches trifft auch für die Farbe zu, wie Lucretius das Problem treffend beschreibt, sich Gedanken über die Farbe und ihren Zusammenhang mit den Elementen machend:
 
"Jegliche Farbe verwandelt sich leicht in jegliche Farbe;
Aber das dürfen doch nie die Urelemente der Dinge.
Stets muß etwas bestehn, das unveränderlich bleibe;
Soll nicht alles in Nichts von Grund aus wider sich kehren:
Denn was irgend verläßt die Grenzen des eigenen Daseins,
stirbt als das, was es war, und wird augenblicklich ein anderes."
(Q1/S.29)
 
Thema dieser Ausfürungen wird also sein "Gedanken über das Phänomen der Bewegung unter Betrachtung der Bewegung der Farben".
Neben den Unterpunkten "Betrachtung", "Bewegung" und "Farbe" wird dennoch der Begriff "Stillstand" angesprochen.
Die Hauptquellen der Abeit sind Goethes Schriften zur Farbenlehre und Merleau-Pontys Aufsatz "Das Auge und der Geist", aus dem auch das folgende Zitat entnommen ist.
 
 
2. Über die Betrachtung
 
"Auf der einen Seite gibt es das Sehen, über das ich nachdenke und das ich nicht anders denken kann denn das Denken, als eine Inspektion des Geistes, ein Beurteilen, ein Ablesen der Zeichen.
Auf der anderen Seite gibt es das Sehen, was stattfindet, ein festgelegtes Denken, das in einen ihm gehörenden Körper eingezwängt ist, ein Sehen, von dem man nur eine Vorstellung haben kann, indem man es ausübt..."
(Merleau-Ponty, Q2/S.29).
 
teilt das Sehen in zwei Arten der Wahrnehmung ein, nämlich einer "wissenschaftlichen" Betrachtung der Dinge, die er "Inspektion des Geistes" nennt und weiterhin in ein "sinnliches" Sehen, das der "geistigen Inspektion" vorauszugehen hat.
Generell, so sei hier nebenbei bemerkt, ist eine Auseinandersetzung mit den Begriffen des Sehens und der Betrachtung deshalb für die Thematik "Farbe" wichtig, erstens, weil Farbe in der Betrachtung erst entsteht, und zweitens, weil wie sich die beiden Arten der Wahrnehmung bei Ponty unterscheiden, sich ähnliche Unterschiede in den Farbtheorien Goethes und Newtons auftun.
Was "Betrachtung" zuallererst bedeutet, ist aber auch deshalb zu klären, weil es im Titel der Arbeit heißt "...unter Betrachtung der Bewegung der Farben."
 
"Betrachten" bedeutet nach Kant "Wahrnehmen in Raum und Zeit", wobei er außerdem eine Unterteilung der Wahrnehmung (ähnlich wie Merleau-Ponty, s.o.) vornimmt, indem er sagt, die Sinnlichkeit gäbe uns die Gegenstände, während der Verstand sie denke. (Q3/S.58)
"Die Farben sind nicht Beschaffenheiten der Körper, deren Anschauung sie anhängen, sondern [...] Modifikationen des Sinnes des Gesichts [...]", sagt Kant. (Q3/S.72)
Alles und das einzige was wir sehen, sind Farben - aber "Betrachtung" ist dennoch mehr als Farbwahrnehmung, weil in ihr zum Sehen das Denken kommt: In den klassischen Naturwissenschaften, aber verstärkt in der modernen Physik, erscheint die Betrachtung mittlerweile weit stärker mit dem Denken verbunden, als mit dem sinnlichen Wahrnehmen:
Schon Decartes, als Vertreter einer physikalisch-mathematischen Theorie des Raumes, gab dem Kupferstich vor der Malerei den Vorrang, weil in ihm "die Form der Gegenstände bewahr[t] [wird] oder uns zumindest ausreichende Zeichen von ihnen [... dargeboten werden]." (Ponty, Q2/S.23)
"Das kartesische Modell des Sehens ist der Tastsinn". (ebd.)
Grund hierfür ist, daß es Linien, Punkte und Fächen sind, die bequem vermessen werden können, um in Modelle, wie z.B. die Newton'sche Mechanik zu passen, die unsere Welt physikalisch korrekt interpretieren.
In heutiger Zeit hat sich der Weg, den die Entdecker gehen, jedoch stark verändert. In einst empirischen Disziplinen wie der Physik wird nicht mehr gemessen, um danach Theorien aufzustellen, sondern vielmehr entstehen die Theorien vor der Betrachtung, die letztlich nur noch dazu dient, die Theorien zu belegen, ... was fast schon wie ein Sieg der Vorstellungskraft über die Natur erscheint.
1928 stellte der britische Physiker Paul Dirac Gleichungen auf, die ihm andeuteten, daß es Elementarteilchen (Antielektronen) geben müßte, die den Physikern damals bis dahin völlig unvorstellbar und absurd vorkamen.
Dirac beharrte auf die Richtigkeit seiner Theorie aufgrund seines Glaubens an die Ästhetik und Symmetrie der Naturgesetze. "Was seine Gleichung erlaubte, konnte in der Wirklichkeit nicht unerlaubt sein, alles andere hätte die Schönheit der Mathematik verdorben." (Q4/S.174)
Vier Jahre später, 1932, wurden die in der Theorie geborenen Teilchen erstmals experimentell nachgewiesen, und heute ist es nicht nur möglich, Antimaterieteilchen (Positronen und Antiprotonen) herzustellen, sondern auch diese zu Antielementen zu verbinden. (Q4: S.166ff)
Bezüglich des Begriffes der "Betrachtung" ist das Dargestellte aber nicht nur deshalb relevant, weil es beweist, wie das Denken in immer stärker werdendem Maße das Sehen zu beeinflussen scheint, sondern auch aufgrund einer weiteren Besonderheit: Die experimentellen Nachweismethoden für vom Menschen nach theoretischen Vorlagen hergestellten oder zumindest separierten Teilchen, besteht stets darin, daß die Teilchen zerstört werden müssen, denn erst ihre "Autopsie" beweist, daß sie existierten.
Die modernste (und extremste) Form der Betrachtung geschieht zusammengefaßt also so, daß das zu betrachtende zuerst erdacht, dann eine Maschine gebaut wird, die das Erdachte herstellt, und dann eine Maschine, die durch die Zerstörung des Erdachten bestimmte Meßwerte erzielt.
Der Vorgang der "Betrachtung" schrumpft in diesem Fall auf das Ablesen der Meßwerte eines Instrumentes, wobei spätestens an dieser Stelle die Frage nach der Relation solcher Ergebnisse zur Wirklichkeit aufkommt, da wir wissen, daß die Meßgeräte nie etwas anderes messen als sich selbst.
 
Für den menschlichen Körper gilt die oben gemachte Aussage natürlich in gleichem Maße: Das Auge mißt nicht die Qualität einfallenden Lichts, sondern quantitative Schwankungen innerhalb seiner Sinneszellen, die im Bewußtsein erst zu Farbe werden.
(Am Rande bemerkt: Im Gegensatz zu Decartes zweifelt Kant nicht daran, daß das aus der Sinnlichkeit kommende wirklich sei.)
Der Frage nach der Wirklichkeit verschiedener Wahrnehmungen oder Betrachtungen soll aber hier auch gar nicht weiter nachgegangen werden. Als wichtig erscheint es in diesem Zusammenhang lediglich, zwei auseinanderdivergierende Formen der Betrachtung aufzuzählen, nämlich erstens: die beschriebene technisierte, naturwissenschaftliche Art der Betrachtung und Vermessung, und zweitens: eine Form der Betrachtung, die als "sinnlich" oder "subjektiv" beschrieben werden könnte und die eine engere Verbindung zwischen dem Gegenstand, seiner Umgebung und dem Subjekt aufweist, als die erste Form.
Mit Blick auf eine Auseinandersetzung mit dem Thema "Farbe" ist es nun so, daß die beschriebene subjektive Art der Betrachtung eines Phänomenes als goetheanisch bezeichnet werden kann, wohingegen die wissenschaftliche Art, die "Inspektion des Geistes" (nach Ponty, s.o.) der Arbeitsweise Newtons nahe kommt.
 
 
3. Stillstand
 
 
"Als ich gegen Abend in ein Wirtshaus eintrat und ein wohlgewachsenes Mädchen mit blendend weißem Gesicht, schwarzen Haaren und einem scharlachroten Mieder zu mir ins Zimmer trat, blickte ich sie, die in einiger Entfernung vor mir stand, in der Halbdämmerung scharf an.
Indem sie sich nun darauf hinwegbewegte, sah ich auf der mir entgegenstehenden Wand ein schwarzes Gesicht, mit einem hellen Schein umgeben, und die übrige Bekleidung der völlig deutlichen Figur erschien von einem schönen Meergrün."
(Goethe in Q5/S.341)
 
Goethes Zitat aus seiner Farbenlehre, in dem er das Phänomen der sukzessiven Nachbilder auf der Netzhaut beschreibt, steht an dieser Stelle nicht nur weil es seine oben als "subjektiv" beschriebene naturwissenschaftliche Arbeitsweise illustriert, sondern auch hauptsächlich deshalb, weil im Textauszug einiges über den Begriff des Stillstandes in der Betrachtung zu finden ist.
Stillstand und Betrachtung erscheinen im Zusammenhang mit dem Thema Farbe als interessante Gegenstände, weil Farbe vom Licht herrührt und sichtbares Licht Materieäußerung ist.
In unserer materialen Welt gibt es aber keinen Stillstand, wie Heraklid schon 500 v.Chr. erkannte und in seinem Satz "Alles fließt" zum Ausdruck brachte.
Mit seinem Verlassen des Goethe'schen Zimmers folgte das "wohlgewachsene Mädchen" -wenn auch nicht vollständig- den Gesetzen der Entropie;
ihr inverses Nachbild verweilte aber noch für einige Zeit in den Augen des Betrachters - lange genug, um in Goethes Erinnerung haften zu bleiben und durch seine Aufzeichnung tatsächlich "zeitlos" zu werden.
Wenn Stillstand und Zeitlosigkeit zusammen gedacht werden, dann heißt das, daß Stillstand in der Betrachtung erst durch das Denken entsteht und daß die Werke der Künstler (unabhängig von den Materialien) durch die ideellen Inhalte diese Inhalte selbst stillstehend vor der Vergänglichkeit bewahren.
Merleau-Ponty beschreibt die Wirkung der stillstehenden Inhalte auf sich als Betrachter folgendermaßen:
 
"Die auf die Felswand von Lascaux gemalten Tiere sind nicht in der Weise dort wie die Risse und Wölbungen des Kalksteins, sie sind aber ebensowenig anderswo.
Ein wenig davor oder dahinter, von seiner Masse getragen, derer sie sich geschickt bedienen, strahlen sie von ihr aus, ohne jemals ihr ungreifliches Anhaften zu verlieren. Es würde mir wahrlich Mühe machen, zu sagen, wo sich das Bild befindet, das ich betrachte." (Q2/S.18)
 
Anders als Ponty und aufgrund einer künstlich hergestellten Art des Stillstandes, nämlich durch einen Tresor, würde ein Privatbesitzer eines Kunstwerkes beim Betrachten seines Eigentums wahrscheinlich nie darauf kommen, zu fragen, wo sich das gute Stück denn befände.
Sammler beschränken sich deshalb auch meist auf Artefakte der bildenden Künste, weil sich Gedichte oder Symphonien beispielsweise weniger gut besitzen und wegschließen lassen.
Interessant verspricht in diesem Zusammenhang zu werden, daß bildende Künstler mittlerweile auch digitale Kunstwerke oder Programme herstellen, die (durch ihr Medium bedingt) in gleicher Weise divergent sind wie die Rede oder die Musik. Die Werke der neuen Medien sind nichts als körperlose Information, können deshalb beliebig vervielfältigt und manipuliert werden und sind, weil an kein Material gebunden, praktisch unvergänglich, und somit als Geldanlage völlig ungeeignet.
 
Zusammenfassend sollen an dieser Stelle nochmals die verschiedenen Formen des Stillstandes aufgezählt werden, die in diesem Abschnitt genannt wurden. Das waren:
Erstens: Stillstand als Zeitlosigkeit, in die eine Situation dadurch erhoben wird, daß ein Künstler sie verewigt. (Als Beispiel diente Goethes Begegnung mit dem Mädchen.)
-Zweitens: Stillstand als Phänomen, von dem manche annehmen, sie könnten es durch einen Tresor erzeugen.
-Drittens: Stillstand als Unvergänglichkeit eines Dings in der Zeit dadurch, daß es ohne materialen Körper ist.
 
An der Farbe konnte kein Stillstand gefunden werden, weil sie erst im Bewußtsein durch Deutung von von den Sinneszellen "vermessenen" Lichteinfalls entsteht. In der Betrachtung gibt es keinen Stillstand, denn in der Sinneswelt gibt es keinen Stillstand - und ob es vorkäme, daß die Betrachtung und mit ihr das Denken stillstünde, darüber denken wir lieber nicht nach.
 
 
4. Bewegung
 
" [...] 8. Es war einmal ein Faß Bier, es stand da, und ein Philosoph saß davor und philosophierte: 'Dieses Faß ist mit Bier gefüllt. Das Bier gärt und wird stark. In mir gärt die Vernunft und hebt mich in überirdische Höhen, und so werde ich stark im Geist. Das Bier ist ein Getränk, das im Raum fließt, ich bin ein Getränk, das in der Zeit fließt. 9. Ist das Bier im Faß eingeschlossen, dann kann es nicht fließen. Dann bleibt die Zeit stehen und ich stehe auch. 10. Aber die Zeit wird nicht stehen bleiben, und so ist mein Fließen unbestreitbar. 11. Nein, soll schon ruhig auch das Bier frei fließen, denn sein Stillstand widerspricht den Naturgesetzen.' Mit diesen Worten öffnete der Philosoph den Hahn am Faß, und das Bier floß auf den Fußboden. 12. Wir haben recht lange vom Bier erzählt; wollen wir jetzt von der Trommel erzählen. 13. Ein Philosoph schlug die Trommel und rief: 'Ich schlage philosophischen Lärm! Diesen Lärm will keiner haben, denn er stört alle. Da er aber alle stört, kann er nicht von dieser Welt sein. Und da er nicht von dieser Welt ist, ist er von jener Welt. Und da er von jener Welt ist, schlage ich ihn.' 14. Lange schlug der Philosoph Lärm. Wir aber verlassen diese laute Geschichte und kommen zur nächsten, einer stillen, über Bäume. 15. Ein Philosoph wandelte unter Bäumen und schwieg, weil die Eingebung ihn verlassen hatte."
(aus: Daniil Charms' "Fünf unvollendete Geschichten",Q6/S.287f)
 
Statt an dieser Stelle, unter der Überschrift "Bewegung" generell über das Phänomen in seiner Komplexheit zu reden, soll hier lediglich ein Bezug zwischen "Bewegung" und "Betrachtung" hergestellt werden.
Der Philosoph in Daniil Charms Erzählung wandelt geistig impulslos unter den Bäumen und markiert so auf besonders tragische Weise das Ende einer Geschichte, die davon handelt, wie die Gedanken eines Denkers zum Stillstand kommen. Der Erzähler nimmt diesen Stillstand zum Auslöser, selbst zu schweigen und spielt auf diese Weise genau an und mit jenem Punkt, über den schon im Vorangegangenem gesagt wurde, daß es besser sei, nicht darüber nachzudenken, was wäre, wenn das Denken still stünde.
Bei Kant gibt es dieses Problem nicht, denn in seiner Philosophie muß das "Ich-denke" alles begleiten - das Denken darf nicht von Impulsen aus der Sinneswelt abhängig sein - die Impulslosigkeit des Philosophen in der Erzählung (verstanden als Losgelöstheit von Sinneseindrücken, also dem Fehlen von Eingebung) ist insofern vielmehr der Anfang, als das Ende jeder Geschichte.
Wenn das "Ich-denke" dem Denken über einen Gegenstand vorausgehen muß, erscheint dies in unserem Zusammenhang wie eine Parallele zu dem schon gesagten über die "inspizierende" Betrachtung eines Gegenstandes, welcher nach Merleau-Ponty die "sinnliche" Wahrnehmung vorauszugehen hat.
Jeglicher geistigen Bewegung auf einen Gegenstand hin, so könnte die Folgerung sein, liegt eine Bewegung "an sich" zugrunde: Eine Bewegung vor der Bewegung von etwas, und ein Sehen vor dem Sehen von etwas.
Eine weitere Verknüpfung der Begriffe "Sehen" und "Bewegung" (auf anderer Ebene) beschreibt Merleau- Ponty in seinem Essay "Das Auge und der Geist":
 
"Meine Bewegung ist kein geistiger Entschluß, kein absolutes Tun, das aus der subjektiven Zurückgezogenheit heraus irgendeiner Ortsveränderung dekretiere, die sich auf wunderliche Weise in der Ausdehnung vollzöge. Sie ist die natürliche Folge und das Zur-Reife-gelangen eines Sehens.
Von einem Ding sage ich, daß es bewegt wird, aber mein Körper bewegt sich, meine Bewegung entfaltet sich. Sie ist aber nicht im Ungewissen, ist sich gegenüber nicht blind, sie strahlt aus einem 'sich' heraus."
(Q2/S.16)
 
 
5. Farbe (und Bewegung)
 
In dieser Eigenart, nämlich daß sie ein abstrakter Begriff einer Dialektik zwischen Sein und Nichtsein ist, aber gleichzeitig auf einfachste Weise sinnlich erfahrbar, gleicht die Bewegung der Farbe.
Einen Schritt weiter ist hier natürlich zu denken, die Bewegung mache die Farbe, was ein Erklärung ist, die alten Modellen der griechischen Naturphilosophen entspricht, und die bis in die Neuzeit transportiert wurde:
Goethe beschreibt im geschichtlichen Teil seiner Farbenlehre eines jener Modelle, nämlich Descartes', folgendermaßen:
 
"Das Mittlere seiner Elemente besteht aus Lichtkügelchen, deren direkte gemessene Bewegung nach einer gewissen Geschwindigkeit wirkt. Bewegen sich die Kügelchen rotierend, aber nicht geschwinder als die geradlinigen, so entsteht die Empindung von Gelb. Eine schnellere Bewegung derselben bringt Rot hervor, und eine langsamere als die der geradlinigen Blau."
(Q1/S.111)
 
Goethe zitiert Descartes zwar in seiner Farbenlehre, teilt aber nicht die Vorstellung von der Existenz der Lichtteilchen: "Schon früher hatte man der mehreren Stärke des Stoßes aufs Auge die Verschiedenheit der Farben zugeschrieben" (ebd.), fährt er lapidar fort, denn in seiner Anschauung ist das Licht "das einfachste, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kennen." (Q7/S.35)
Die Farben sind für Goethe, wie er aus unzähligen Versuchen folgert, nicht im Licht vorhanden, sondern entstehen aus Verhältnissen von Helligkeiten und Abschattungen in mehr oder minder "trüben" Medien, zu denen auch das Glas des Prisma zählt.
Im Unterschied zu Newton, in dessen Theorie das Licht die Farben in sich trägt, lokalisiert Goethe die prismatischen Farberscheinungen immer nur an den Grenzen von hellen und dunklen durch das Prisma betrachteten Flächen. Die beiden Theorien, auch wenn sie völlig unterschiedliche Aussagen über das Licht treffen, behindern sich aber dennoch kaum. Und Goethes Lehre gelingt es schon gar nicht, auch wenn er sich das als Verfasser gewünscht hätte, Newtons Optik aus den Angeln zu heben. Zustimmung fanden Goethes Bemühungen um die Farben hauptsächlich bei Physiologen, auf deren Gebiet er einiges leistete und "bei den Vertretern der nachkantischen subjektivistisch eingestellten Philosophie. [...] Die dualistische Erfassung von Licht und Finsternis [bei Goethe] findet so Hegels Anerkennung, und Schelling greift die Idee der Polarität [zwischen Licht und Materie] auf [um zu folgern: ...] 'Die Erkenntnis des Lichts ist der Materie gleich, ja mit ihr eins, da beide nur im Gegensatz gegeneinander, als die subjektive und die objektive Seite begriffen werden.'" (Q5/S.620f)
In Bezug auf das Thema dieser Ausführungen erscheinen allerdings die von Goethe beschriebenen "bewegten" Beziehungen der Farben untereinander noch interessanter, als die genannten dialektischen Spannungen zwischen den Begriffen "Farbe", "Materie" und "Licht", da synästhetische Übertragungen von farbigen Eindrücken auf bewegte (und andere, z.B. musikalische) für Goethes Farbenlehre geradezu charakteristisch sind. In diesem Sinne ist beispielsweise "Purpur" für Goethe die Farbe der Steigerung und höchsten Erregung, die durch die Vereinigung von Blau und Gelb erregt werden kann, wenn die Umstände günstig sind, und es nicht vorkommt, daß sich die beiden Farben im Grün ertränken.
Die Polarität von Gelb und Blau ist, wie Goethe es nennt, die Polarität zwischen positivem und negativem Spektrum, oder die Polarität von Dunkelheit-vor-Licht zu Licht-vor-Dunkelheit. "Keine Farbe [ist] als stillstehend [zu] betrachten" (Q5/S.296), folgert er und zählt die beschrieben Bewegungen zwischen den Farben; wie sie sich "fordern" (Q5/S.340) und in Beziehung setzen; als Beispiele für die "ewige Systole und Diastole [...] der Welt." (Q5/S.488)
In seiner Farbenlehre entsprechen die Extrempunkte der Schwingung (von Systole und Diastole) den Polen "Licht" und "Schatten", die verantwortlich sind für jede Farberscheinung überhaupt, worin Goethe mit Aristoteles übereinstimmt, der schon ca. 350v.Chr. behaupt ete, die Farben entstünden aus verschiedenen Mischungen von Schwarz und Weiß. (vgl. Q1/S.26)
Diese Erkenntnis, nämlich daß ein "quantitatives Verhältnis einen qualitativen Eindruck auf die Sinne hervorbringe, [nennt Goethe selbst] 'eine der wichtigsten Erscheinungen in der Farbenlehre'". (Q5/S.444)
Farbe und Bewegung, um zurückzukommen zu den zentralen Begriffen dieser Ausführungen, treffen in Goethes Theorie insofern aufeinander, als seiner "Harmonie" der Farben ein dynamisches, bewegtes, unter Spannung stehendes Prinzip zugrunde liegt, das in der Spannung der Farben untereinander (beispielsweise zwischen Gelb und Blau) sowie in der Spannung zwischen Helligkeit und Dunkelheit Ausdruck findet. Der Begriff der "Harmonie", der bei Goethe immer wieder auftaucht, bedeutet selbst "Bewegung", denn er beschreibt einen Zustand der Spannung zwischen Durchhalten und Vergehen.
 
 
6. Weltbilder
 
Das Besondere an Goethes Theorie ist, daß er die Farberscheinungen in ein Weltbild einzuordnen versucht, anders als Newton, der lediglich daran interessiert ist, die Gesetze der Refraktion zu beschreiben. Newtons Arbeit handelt über die Optik als Teilgebiet der Physik, wohingegen Goethes eher den Namen "Chromatik" verdient hätte, auch wenn er selbst seine Farbenlehre "Beiträge zur Optik" nannte. (vgl.Q1/S.264)
Goethes Bemühungen drehen sich aber dennoch nicht allein um die Farben, sondern seine Arbeit plädoyiert gleichzeitig für eine von ihm erwünschte "Wiederherstellung der ursprünglichen Einheit von Wissenschaft und Poesie". (Q5/S.626) Sein subjektives Vorgehen, das geprägt ist von der Haltung, daß "Sehen und Erkennen" und "Anschauen und Denken" (ebd./S.627) eng zusammengehören, ist Kritikpunkt der Naturwissenschaft mit ihrem Anspruch auf Objektivität. Goethes These, daß es "der Mensch [sei] und nicht ein Apparat [,der] die Umwelt wahr[nimmt]" (ebd.), und die Art, wie er "Naturwissenschaft" betreibt, steht in der Tradition der griechische Naturphilosophen, ist aber in gleichem Maße ein sehr modernes Thema, wie die Parallelen zu Merleau-Pontys Aussagen über die Betrachtung, das "sinnliche Sehen" und die "Inspektion des Geistes", zeigen.
 
"Empedokles soll vier Grundstoffe (Elemente) angenommen und jedem derselben eine Grundfarbe zugeordnet haben. Sämtliche Mischungen und Verbindungen der Grundstoffe hätten dann auch entsprechende Farben ergeben müssen, so daß das System der Stoffe durch das der Farben vikariiert worden wäre.
Das Gelingen dieses Versuches hätte die Farbentheorie zur Theorie der Welt gemacht; aber statt des empedokleischen (in seiner naiven Form wertlosen) Gedankens siegte der pythagoreische, und heute ist die Theorie des Raumes und der Zeit die Theorie der Welt, zumindest jener Welt, welche den als exakt bezeichneten Methoden der Wissenschaft unterworfen wird. [...]
Daß so viele Philosophen sich mit Farbenfragen beschäftigen, scheint demnach auf einen ununterdrückbaren Instinkt für gewisse Hauptprobleme der Menschheit und für die Möglichkeit sie zu lösen, hinzudeuten."
(Q8/S.III)
 
 
 
Quellen:
 
Q1: J.W.v. Goethe, Werke Hamburger Ausgabe, Band 14, Naturwissenschaftliche
Schriften II, Materialien, Register, München 1988.
Q2: Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, Hamburg, 1984.
Q3: Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Hamburg, 1990.
Q4: Nachrichtenmagazin ăDer Spiegel", Hamburg, Heft 3/1996)
Q5: J.W.v. Goethe, Werke Hamburger Ausgabe, Band 13, Naturwissenschaftliche Schriften I, Materialien, Register, München 1988.
Q6: Daniil Charms, Zwischenfälle, Frankfurt 1993.
Q7: J.W.v. Goethe, Geschichte der Farbenlehre, erster Teil, München 1963.
Q8: W. Schulz, Das Farbenempfindungssystem der Hellenen, Leipzig 1904.
 
 
 
Farbe und Bewegung
(über das Phänomen der Bewegung /
Bewegung der Farben)
 
1. Das Thema
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